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8. August 2013

16. Mai 2008

Die Ära Karl Richter in München: Die Jahre 1980 und 1981 [DE]

Im Juli 1980 kamen Karl Richter, sein Münchener Bach-Chor und das Bach-Orchester zum letzten Mal nach Ottobeuren.

Friedemann Winklhofer

An Richters letztes Ottobeuren 1980 kann ich mich noch gut erinnern. Am Sonntag, 20. Juli dirigierte er seine letzte h-moll-Messe, beim traditionellen Orgelkonzert am Abend zuvor sang zusätzlich der Bach-Chor Motetten, u. a. die beiden von mir einstudierten Werke von J. N. David und Z. Kodály, drum herum spielte er Reger und Messiaen. Den ganzen Tag war ich mit ihm an der Orgel, das war schon ein großes Erlebnis, ihm beim Üben an den beiden historischen Orgeln und an der großen Marienorgel zuhören und sozusagen „Mäuschen“ spielen zu dürfen.



Friedemann Winklhofer und Leonard Bernstein bei der Probe zum Karl-Richter-Gedenkkonzert


Prior P. Theodor Lutz

Schon in den letzten Jahren seines Lebens hatten ihn immer wieder Todesahnungen beschäftigt. Mit einem Freund, bei dem er während der Konzerttage in Ottobeuren wohnte, hat er des öfteren darüber gesprochen. Und auch sein letztes Orgelkonzert im Juli 1980 beinhaltete Orgelmusik, die allesamt den Tod zum Thema hatten. Es hatten ihn offensichtlich diese Todesahnungen begleitet, die dann ja auch Wirklichkeit geworden sind. Ich kann mich noch erinnern, dass Karl Richter schon vorher einmal Schwierigkeiten mit den Augen hatte. Nach einer erfolgreichen Netzhaut-Operation war er sehr glücklich. Er kam eigens nach Ottobeuren und hat mit Abt Vitalis Maier darüber gesprochen, wie dankbar er sei, nun wieder richtig sehen zu können.



Prior P. Theodor beim Interview am 21. Juli 2005 an der Dreifaltigkeitsorgel in Ottobeuren

Tags darauf, am 20 Juli 1980, dirigierte Karl Richter in der Stiftsbasilika seine vorletzte h-moll-Messe.

Claes H. Ahnsjoe

Ich weiß nicht, wie viele Male ich die h-moll-Messe mit Richter gesungen habe. Sie war auch die letzte Aufführung in Ottobeuren im Sommer 1980. Auch hier gab es so manche Glücksmomente, beim Benedictus oder beim Duett und auch den anderen wunderbaren Arien, die gerade unter seinen Händen so unglaublich stilistisch geformt und hochwertig wurden.

Beim allerletzten Weihnachtsoratorium, Teil I, war - wie seit 25 Jahren so oft - Kieth Engen mit von der Partie.


Kieth Engen


Karl Richter hat seine Garderobe meistens unten gehabt, weil er nach dem Konzert immer als erster weg wollte. Und wie es das liebe Schicksal haben will, bei diesem letzten Konzert im alten Deutschen Museum, musste ich zum ersten Mal mit ihm dieses Zimmer teilen, für dieses allerletzte Konzert, das Weihnachtsoratorium. Wir haben fast nichts miteinander geredet, nach 25 Jahren, und er ging schnell weg, damals. Ich konnte nicht einmal good-bye sagen, weil er so schell weg war.



Kieth Engen beim Interview am 10. Juni 2004


Aurèle Nicolet

Bei den letzten Konzerten seines Lebens hatte ich das Glück, sie mit ihm zusammen machen zu dürfen. Wir reisten als Duo, durch viele Städte von Deutschland. Frankfurt, München natürlich, Nürnberg, und auch in Norddeutschland. Und das letzte Konzert war in Wilhelmshaven. Er war so müde. Nach dem Konzert bin ich in seinem Zimmer geblieben und habe ein Bier bestellt. Da sagte er zu mir: „Aurèle, guck mal bitte in meinem Koffer, da liegt auf dem Boden ein Stück Papier.“ Und das Stück Papier, das war eine Abschrift von Luthers Testament. Und wir versuchten das auf Französisch zu übersetzen, und ich erinnere mich nur noch an den letzten Satz: „Wir sind alle Bettler.“



Aurèle Nicolet beim Interview am 3. März 2005

Kieth Engen

Karl Richter ist gestorben, 54 Jahre alt, am Sonntag Septuagesimae. Es war ein Sonnentag sondergleichen, bitterkalt. Er war im Hotel Vierjahreszeiten. Nebenan im Englischen Garten sind Dr. Weymar und seine Frau spazieren gegangen, sie haben nicht gewusst, dass er oben stirbt. Ich war hier. Und als ich das gehört habe, habe ich mein Losungsbuch aufgeschlagen, und diese Losungen und Lieder werden drei Jahre im voraus gezogen. Und am 15. Februar 1981 stand ein Lied von Philipp Spitta: „Am Tag, da er reden will, tu auf dein Herz und halt dich still. Da er mit dir sein Werk will tun, lass deiner Hände Werke ruhn.“ Das war für mich irgendwie für Karl Richter. Er hatte etwas Ewiges in seinem Wirken und in seinem Können, und was er geschaffen hat mit seinem Bach-Chor und mit der Bach-Renaissance hier in München. Das war einmalig und das war eine herrliche Zeit. Wir müssen trotz allem dem lieben Gott, dem lieben Karl Richter und dem lieben Johann Sebastian Bach auf den Knien danken.



Gedenktafel am Eingang zur Markuskirche München

Karl Heckel

Frau Richter, Gladys Richter, eine Malerin, in Erlenbach am Zürichsee, wo Richter mit ihr in späteren Jahren ein Haus gekauft hatte, bat mich dann, weil ich doch in der Nähe sei, ob ich statt eines reformierten Pfarrers, die ja dort die normale Landeskirche darstellen, als lutherischer Pfarrer ihn beerdigen würde. Ich hab dies gern getan als letzten Dienst an meinem Meister, und ich möchte sagen, mehr Hörlehrer, denn in der Hochschule hatte ich ja keine Stunden bei ihm gehabt.

Ich war begreiflicherweise sehr nervös, diese Beerdigung eines großen Mannes durchzuführen, welcher Pfarrer ist da nicht nervös. Und ich hab mir überlegt, was kannst du machen, um mit einer besonderen Geste auszudrücken, dass hier ein Großer bestattet wird. Da fiel mir ein, dass ich die Peters-Ausgabe der Bachmotetten besäße, mit der ich manchmal früher bei Richter Motetten gesungen hatte. Man muss wissen, dass einige dieser Motetten ausgesprochene Sterbemotetten sind. Und dann habe ich mir gedacht, ich opfere dieses Buch und werfe es in das Grab hinab als sichtbares Zeichen, dass einer der letzten, die Bach verstanden und dargestellt haben, davon gegangen ist.




Karl Richters Grab auf dem Friedhof Enzenbühl, Zürich


Karl Heckel


Bei der Trauerfeier in der Markuskirche habe ich von oben auf seinen Sarg geschaut, mir war ein Stück meines jungen Lebens zusammen mit ihm weggenommen. Im Hinausgehen aus der Kirche hörte ich, wie eine alte Frau zu einer anderen sagte: „Der Richter hat mich so beeindruckt, dass ich wieder zur Kirchgängerin geworden bin. Durch Bachs Musik bin ich wieder fromm geworden.“



Die Inschrift auf Karl Richters Grabstein

Remembering the Era Karl Richter in Munich: Year 1980 und 1981 [EN]

In July 1980 Karl Richter, his Munich Bach-Choir and the Bach-Orchestra went to Ottobeuren for the last time.

Friedemann Winklhofer

I can remember Richter’s last Ottobeuren very well. On Sunday 20th July he conducted his last Mass in B-minor. At the traditional Organ concert the evening before, the Bach-Choir had in addition sung Motetten, including works from J .N. David and Z. Kodaly, which we had rehearsed together. I spent the whole day with him. It was a fantastic experience being able to eavesdrop while he played pieces from Reger and Messian on the two historical organs as well as on the big Marien-Organ.



Friedemann Winklhofer and Leonard Bernstein during the rehearsal for the Karl-Richter-Memorial concert


Prior P. Theodor Lutz

During the last years of his life Richter had repeatedly been preoccupied with presentiments of death. He had often spoken about these fears with a friend he stayed with during the Ottobeuren Concerts. His last concert in July 1980 was predominately made up of Organ music that had death as its theme. It is obvious that these forebodings that then became reality had long been present. I can remember Richter some time before this, having trouble with his eyes. After a successful eye-operation, he was so happy, that he came especially to Ottobeuren, to tell Abbot Vitalis, how grateful he was to be able to see properly again.



Prior P. Theodor during our interview on July 21, 2005 on the Dreifaltigkeits-Organ in Ottobeuren


A few days afterwards on 20th July in the Collegiate Church Karl Richter conducted his last Mass in B-Minor.

Claes H. Ahnsjoe

I don’t know, how many times I had sung the B-Minor Mass. It was the last performance in the summer of 1980. Many happy moments transpired there, the Benedictus or the Duet as well as all the other wonderful Arias that in his hands alone became formed and styled to an incredibly high standard.

Kieth Engen took part in the very last Christmas Oratorio, Part One, as he had done so often over the last 25 years.

Kieth Engen

Karl Richter’s dressing room was usually downstairs, because he always wanted to be the first to leave after the concert. And as fate would have it, at this last concert in the German Museum, for the first time I had to share this room with him. The very last Concert was the Christmas Oratorio. We hardly spoke a word to one another, after 25 years and he left so quickly that time. I didn’t even have the chance to say goodbye.



Kieth Engen during our interview on June 10, 2004


Aurèle Nicolet

I had the luck to be with him at the last concert of his life. We traveled as a Duo through many German towns. Frankfurt, Munich of course, Nuremberg, and in north Germany as well. The last Concert was in Wilhelmshafen. He was very tired. After the Concert I stayed in his room and ordered a beer. He said to me: "Aurèle, take a look in my suitcase, there is a piece of paper lying in there." And that piece of paper was a copy of Luther’s Testament. And we tried to translate it into French, and I can only remember the last sentence: 'We are all beggars'.



Aurèle Nicolet during our interview on March 3, 2005


Kieth Engen

Karl Richter died, aged 54, on Septuagesima Sunday. A sunny day but bitterly cold. It happened in Hotel Vierjahreszeiten in Munich. Next door in the 'Englische Garten' Dr. Weymar and his wife were taking a walk, they didn’t know he, was dying up there in his room. I was here, and when I heard, what had happened, I opened my motto book. These mottos and songs were always drawn up 3 years in advance. For 15th of February there was a song from Philipp Spitta: "On the day when he wants to speak, open your heart and be still. So that he with you his work can do, let the work of your hands rest so." For me that was somehow for Karl Richter. There was something eternal about his work and in his mastery and in what he had created with his Bach-Choir and the Bach Renaissance here in Munich; something unique, a magnificent period of time. We must, in spite of everything, get down on our knees and say thanks to the Lord, and to Karl Richter and to Johann Sebastian Bach.



Memorial tablet at the entrance of the Markus-Church in Munich


Karl Heckel

Karl Richter’s widow, Gladys Richter, a painter, in Erlenbach on Lake Zurich, where she and Richter had later bought a house, requested me, because I was nearby, if I would, as a Lutheran clergyman, conduct the burial service in lieu of the Pastor belonging to the established national church. I was more than happy to be able to render this last service to my master, and I must say audio tutor, because I had never attended any of his courses at the Academy.

I was understandably very nervous, at the idea of carrying out the funeral of this great man, which clergyman wouldn’t be. I spent a lot of time thinking about what kind of special gesture I could make to mark the funeral of someone so special. It crossed my mind that I owned a copy of the Peters edition of the Bach-Motetten, which I had sometimes used in the past, when I had sung Motetten with Richter. Some of these Motetten were distinctly Motetten for the dead. I thought to myself, I would sacrifice this book by throwing it into the grave for all to see as a sign, that one of the last great musicians to have understood and interpreted Bach has gone forever.




Grave of Karl Richter's at the cemetery Enzenbuehl, Zuerich


Karl Heckel

At the funeral service held for Karl Richter in the Markus-Church in Munich, I looked down from above onto his coffin, and felt, that a part of my young life had, together with him, been taken away from me. On my way out of the church I heard one elderly lady say to another: "Richter impressed me so much so, that I started going to church again. Thanks to him and to Bach’s Music I have found my way back to God."



Inscriptions cut on Karl Richter’s Gravestone

9. Januar 2008

Die Ära Karl Richter in München: Das Jahr 1951 [DE]

Im Oktober 1950 wurde Pfarrer Dr. Theodor Heckel als neuer Dekan an St. Markus und als Stadtdekan in München eingeführt. Sein Organist und Kantor, Michael Schneider, hatte 1951 einen Ruf nach Detmold erhalten, und so galt es, die Stelle an St. Markus neu zu besetzen.

Da traf es sich, dass der Thomanerchor Leipzig zu einem Konzert in die Markuskirche nach München kam.


Karl Richter als Chorpräfekt in der Kreuzschule Dresden 1946

Dekan Heckel erzählte dem damaligen Thomaskantor Günther Ramin von der vakanten Stelle an St. Markus, worauf Ramin, wie Heckel in seinen Lebenserinnerungen schreibt, spontan erwiderte: "Da kann ich Ihnen Karl Richter empfehlen, meinen Thomasorganisten." Und mit der ausdrücklichen Bemerkung: "Der kann mehr als ich!"


Karl Richter als Thomasorganist in Leipzig 1949

Aus dem Interview mit Karl Heckel:

"Eines Tages kam beim Frühstück die Bitte meines Vaters an mich, dass ich mich doch heute um 11 Uhr bereit halten sollte, da käme der Thomasorganist Karl Richter und würde vorspielen. Ich könne ihm doch die Orgel zeigen und die wesentlichen Klänge, denn er hätte wenig Zeit und er müsse sich dann viel zu schnell zurecht finden, was ich ja schon könne, da ich schon immer auf der Orgel gespielt hätte."



Karl Heckel als Theologiestudent vor dem Orgelpositiv in der Markuskirche

"Um 11 Uhr kam dann ein mittelgroßer Mensch in einem weißen Staubmantel und wurde mir als Karl Richter vorgestellt. Hier begegneten wir uns an der Orgel zum ersten Mal. Ich zeigte ihm die verschiedenen Werke und Klangkombinationen, die er anwenden konnte, und da sagte er: „Ich sehe, Sie kennen die Orgel sehr gut, ich würde es auch so machen wie Sie.“ Dann spielte er seine Programm-Nummern durch und rief mir nur zu, welches Register ich an der und jener Stelle ziehen sollte. Das klappte auch hervorragend. "



Pfr. Karl Heckel beim Interview am 8. Dezember 2004 in Heroldsberg

"Ich kann mich nicht mehr an alle Stücke erinnern, ich weiß aber, es war dabei die Toccata d-moll, die ja auch heute noch auf Hörer großen Eindruck macht, dann war dabei der Schüblersche Choral Wachet auf, ruft uns die Stimme, sehr getragen gespielt, und es war dann auch das große Werk B-A-C-H von Reger dabei."

Trotz mancher Widerstände gegen einen „so jungen Kantor“ wurde der 25jährige Karl Richter im Oktober 1951 als Nachfolger von Michael Schneider an die Markuskirche berufen, gleichzeitig trug ihm Prof. Robert Heger, der Präsident der Hochschule für Musik, einen Lehrauftrag für Orgelspiel und evangelisches Choralspiel sowie die Leitung des Hochschulchores an.

Nach wenigen Wochen, am 25. November 1951, gab Karl Richter mit dem Heinrich-Schütz-Kreis das erste Konzert an St. Markus, das Programm umfasste mehrstimmige Motetten und Orgelwerke.

Remembering the Era Karl Richter in Munich: Year 1951 [EN]

In October 1950, Theodor Heckel was appointed superintendent of the Markuskirche and for Munich. His organist and cantor, Michael Schneider was appointed to Detmold in 1951 and it was time to find a replacement for him.

It so happened that the Thomaner-Choir of Leipzig came to Munich to give a concert.


Karl Richter as choir prefect at the Kreuzschule Dresden 1946

Superintendent Heckel spoke to the Thomas Cantor of that time, Guenther Ramin about the vacant position at the Markuskirche, upon which Ramin, as Heckel writes in his memoirs, spontaneously replied, "I can recommend Karl Richter, my Thomas-Organist" and added explicitly "He knows more than I do!"


Karl Richter as organist at the Thomas church in Leipzig 1949

Karl Heckel remembers:

"One day at breakfast my father asked me to be on hand at 11 o’clock because the Thomas-organist, Karl Richter would be coming to play the organ. I was to show him the organ and the essential tones as he did not have much time and had to find his way around as quickly as possible, something I could do very well as I used to play the organ all the time."


Karl Heckel as theology student on the Positive organ at the Markuskirche

"At 11 o’clock a medium sized person in a white smock arrived and was introduced to me as Karl Richter. We met one another for the first time at the positive organ in the Marcus church. I showed him the various works and tone combinations that he could use and he said, "You know this organ very well, I would have done it just as you say." Then he played his Program pieces and called me when he needed to know which register I would have used at such and such a point and everything worked out splendidly."


Pastor Karl Heckel during the Interview On December 8, 2004 in Heroldsberg

"I can’t remember all the pieces he played, but I do know that he played the Toccata in d-minor, a piece that even today leaves a tremendous impression on it’s listeners. There was the Schübler-Choral— Wachet auf, ruft uns die Stimme, played very solemnly, and then Reger’s great
B A C H works."

Despite a number of objections to 'such a young cantor', the 25 year old Karl Richter was appointed as successor to Michael Schneider at the Marcus church, and at the same time Prof. Robert Heger, President of the Music Academy Munich offered Richter a teaching position for organ and choral music as well as the conductorship of the Academy choir.

After only a few weeks, on 25th Nov.1951, Karl Richter gave his first concert at the St Marcus Church with the Heinrich-Schuetz-Kreis with a program including Motets arranged for several voices and pieces for the organ.

12. Mai 2006

Karl Richter - Erste Begegnung (4) Video Clip

Kurt Hausmann und Pfarrer Karl Heckel erinnern sich an ihre erste Begegnung mit Karl Richter.


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