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2. August 2012

Gundula Janowitz wird 75

Herzlichen Glückwunsch zum heutigen Geburtstag




Die österreichische Sopranistin Gundula Janowitz, geb. am 2. August 1937 in Berlin, feiert heute ihren 75. Geburtstag. In den 1960er Jahren war sie in vielen bedeutenden Schallplatteneinspielungen Karl Richters bei der DGG mit von der Partie:
Händel, Messias (1964) - erhältlich auf CD
Bach, Weihnachtsoratorium (1965) - erhältlich auf CD
Gluck, Orfeo ed Euridice (1967) - erhältlich auf CD



Gundula Janowitz bei der Schallplattenaufnahme von Glucks Orfeo ed Euridice im Herkulessaal der Münchner Residenz (August 1967)

Beethoven, Messe C-Dur op. 86 (1969) - erhältlich auf CD
Bach, Hohe Messe h-moll (1969) - erhältlich auf DVD (Unitel)



Gundula Janowitz mit Hertha Töpper und Karl Richter bei der Fernsehaufnahme von Bachs Messe h-moll in der Klosterkirche Diessen am Ammersee (September 1969)



Gundula Janowitz mit Hertha Töpper und Karl Richter bei der Fernsehaufnahme von Bachs Messe h-moll in der Klosterkirche Diessen am Ammersee (September 1969)


Ein Autogramm von Gundula Janowitz im Klavierauszug der h-moll-Messe

7. Dezember 2010

Bach, Weihnachtsoratorium mit Karl Richter

Aufnahme von 1965 für wenig Geld



... Karl Richter zum Beispiel machte sich im Jahr 1965 im Münchner Herkulessaal an eine aufwändige Plattenaufnahme, die neben dem Bach-Chor und dem Bach-Orchester auch herausragende Solisten wie die Sopranistin Gundula Janowitz und den Tenor Fritz Wunderlich vor den Mikrofonen versammelte. Das Resultat war bestechend. Richter gelang es, bis ins Details der dynamischen Gestaltung die einzelne Komponenten ausgewogen zu gewichten. Gerade in den vertrackt kontrapunktischen Chorpassagen konnte er seine Fähigkeit ausspielen, große Klangkörper nuanciert zu lenken. Sein "Weihnachtsoratorium" wurde zu einer zentralen Einspielung des Werkes, beseelt vom kongenialen Zusammenwirken von Text und Interpretation.

(Klassikakzente 06.12.2002)

Diese CD-Box gibt es zur Zeit bei Amazon zu einem äußerst günstigen Preis!

24. April 2008

Die Ära Karl Richter in München: Die Jahre 1969 ff. [DE]

Die Jahre 1969 - 1971 waren auch geprägt von zahlreichen ZDF-Unitel Filmproduktionen, so etliche Orgelkonzerte und die Feuerwerksmusik von Georg Friedrich Händel, aufgenommen im Neuen Schloß Schleißheim. Werke für Cembalo und Orgel wurden in Ottobeuren produziert. Das Marienmünster zu Dießen am Ammersee war ein idealer Raum für die Aufzeichnung von Bachs h-moll-Messe mit den Solisten Gundula Janowitz, Hertha Töpper, Horst Laubenthal und Hermann Prey.




Marienmünster zu Dießen am Ammersee

Elmar Schloter

Karl Richter wollte bei diesen Fernsehaufnahmen an einigen Stellen unbedingt einen besonderen Orgelklang, den er auf dem Continuo nicht herbrachte. Da sind wir dann auf die Hausorgel in Dießen ausgewichen und haben verschiedene Sequenzen mit dieser Orgel hinten gespielt. Das ging auch ganz gut zusammen, weil die Kirche ja nicht so groß ist. Da wurde zum Beispiel bei der h-moll-Messe beim Confiteor, wo eben nur Continuo und der Chor ziemlich präsent sind, diese ganze Sequenz von der Orgel der Dießener Kirche aus aufgenommen.



Elmar Schloter an der Continuo-Orgel in Dießen

Diese Aufnahme wurde im Januar 2006 auf DVD übernommen, ebenso die gleichfalls in Dießen entstandene Johannes-Passion mit Peter Schreier als Evangelisten, Ernst-Gerold Schramm als Christus und den weiteren Solisten Helen Donath, Julia Hamari, Siegmund Nimsgern und Kieth Engen.

Auch die Brandenburgischen Konzerte, aufgezeichnet im Schloß Schleißheim, sind inzwischen auf DVD erhältlich, schließlich Johann Sebastian Bachs Matthäus-Passion, die in den Bavaria Studios München Geiselgasteig dramaturgisch eindrucksvoll dargestellt wurde. Hier waren die Solisten wiederum Helen Donath und Julia Hamari, Peter Schreier, Ernst-Gerold Schramm und Siegmund Nimsgern, die Bass-Partie sang Walter Berry.



Ernst-Gerold Schramm und Siegmund Nimsgern

Siegmund Nimsgern

Meiner Meinung nach war da ein anderer Kollege vorgesehen. Das Engagement ging doch sehr kurzfristig, und ich kam auch "nur" für die bösen Männer in Frage. Kieth Engen und Walter Berry hatten die Bassarien, das waren natürlich wesentlich etabliertere Leute. Ich hätte natürlich viel lieber die wirklich wichtigen Sachen gesungen, obwohl, - das muss man dazu sagen -, der Pilatus in der Johannes-Passion, wenn man die Töne zählt, nicht die Wichtigkeit der Rolle, fast mehr zu singen hat als Jesus. Und das ist eine ganz tolle Figur. Er sagt ja den einzigen Satz, den viele Leute aus den Passionen überhaupt noch kennen: "Was ist Wahrheit?"



Siegmund Nimsgern und Karl Richter inmitten von Chor und Orchester

Julia Hamari

Die Matthäus-Passion, das war im Bavaria Filmstudio, ich erinnere mich an dieses wahnsinnig große Studio, und wir mussten richtig singen. Da gab es kein Playback, wir mussten singen. Und er stand da, und als ich zum ersten Mal den Mund aufgemacht habe, dachte ich, ich hätte keine Stimme. Aber dann habe ich mich daran gewöhnt: So viel höre ich und das singe ich, mehr nicht. Und als ich zum ersten Mal diese Arie gesungen habe, kam über den Lautsprecher vom Regisseur: "Sie haben fantastisch gesungen, Hamari!".



Julia Hamari und Helen Donath in Geiselgasteig

Remembering the Era Karl Richter in Munich: Year 1969 ff. [EN]

Numerous ZDF/Unitel film productions, as well as many organ concerts and Georg Friedrich Handel’s Feuerwerksmusik, recorded in the new Schloss Schleissheim, affected the years between 1967 and 1971. Pieces for Cembalo and Organ were produced in Ottobeuren. The Marienmuenster in Diessen in Ammersee was an ideal setting for the recording of Bach’s High Mass in B-minor, featuring the soloists Gundula Janowitz, Hertha Toepper, Horst Laubenthal and Hermann Prey.



Marienmuenster Diessen, the Lake Ammersee

Elmar Schloter

For these television recordings, Karl Richter wanted a very special organ sound in certain passages, a sound he could not be produced on the continuo. We decided to fall back on the church organ in Diessen and recorded different sequences with this organ in the background. That worked out very well, because the church was not so big. For example in the B-minor Mass, at the Confiteor, where only the continuo and the choir were fairly present, this whole sequence was recorded on the Diessen Church Organ.



Elmar Schloter playing the Continuo-Organ in Diessen

These Recordings as well as the Johannes Passion, which had been recorded in Diessen, at the same time with Peter Schreier as Evangelist, Ernst-Gerold Schramm as Christus, together with the soloists Helen Donath, Julia Hamari, Siegmund Nimsgern and Kieth Engen were digitally transferred and published on DVD in 2006.

The Brandenburg Concertos, recorded at Schloss Schleissheim, are in the meantime available on DVD, as well as Bach’s Matthews Passion, which was dramatically staged in the Bavaria Studios in Munich Geiselgasteig again featuring the soloists Helen Donath, Julia Hamari, Peter Schreier, Ernst-Gerold Schramm and Siegmund Nimsgern, the Bass part was sung by Walter Berry.



Ernst-Gerold Schramm and Siegmund Nimsgern

Siegmund Nimsgern

If you ask me other colleagues had been primarily intended, the engagement happened very quickly and only the 'bad men' came for me in question. Kieth Engen and Walter Berry had the Bass arias, they were essentially established people. Of course I would have liked to have sung the really important parts, although I must say: Pilatus in the Johannes Passion, if you count the notes and not the importance of the role, has almost more to say than Jesus. And that is a very good figure. He is the one who says the only phrase that most people remember from the Passions at all: 'WHAT IS TRUTH'



Siegmund Nimsgern and Karl Richter amidst Chor and Orchester

Julia Hamari

The Matthews Passion was in the Bavarian Film Studios, I can remember this huge Studio. And we had to sing properly. There was no Playback, we had to sing. And he stood there and as I opened my mouth for the first time, I thought, I didn’t have much of a voice. But then I got used to it: I hear so much - and I sing so much - nothing more. And when I had sung the aria for the first time, the directors’ voice came over the loud speaker: "You sang that fantastically, Hamari!"



Julia Hamari and Helen Donath in Geiselgasteig

19. März 2008

Die Ära Karl Richter in München: Die Jahre 1966 ff. [DE]

Maurice André hatte inzwischen eine grandiose Solisten-Karriere gestartet und stand hinfort Karl Richter nicht mehr so oft zur Verfügung. Den Trompeten-Platz nahm nun sein Landsmann Pierre Thibaud ein, erstmals beim Weihnachtsoratorium 1966 im Salzburger Festspielhaus.



Pierre Thibaud

1966 sang zum ersten Mal Peter Schreier, Karl Richter seit den Tagen der Kreuzschule in Dresden freundschaftlich verbunden, den Evangelisten in Bachs Matthäus-Passion, am 3. März im Kongresssaal des Deutschen Museums in München und zwei Tage später im Musikvereinsaal Wien. Hier ereignete sich auch das sensationelle Debüt der ungarischen Altistin Julia Hamari.

Julia Hamari

"Ich stand auf für die Erbarme-dich-Arie, und ich glaube, ich habe gut gesungen. Das war die erste Matthäus-Passion meines Lebens. Natürlich wollte das niemand glauben. So einen Anfang gibt es überhaupt gar nicht. Die Arie war zu Ende, und ich schaue ihn an, und er schaut mich an, und es entstand eine Wahnsinns-Pause, eine furchtbare Pause, es ging nicht weiter. Dann fing der Chor an, ganz langsam den Choral zu singen. Dann hat er ganz schnell das folgende Rezitativ gemacht und mich dabei so böse angeschaut, aber so böse, als wenn ich etwas dafür konnte, dass er überrascht war."



Julia Hamari

Im Sommer 1967 begann die musikalische Zusammenarbeit Richters mit der gefeierten Mozartsängerin Edda Moser.

Edda Moser

"Ich hatte ein Engagement über die Deutsche Grammophon bekommen, dass Orfeo von Gluck aufgenommen würde mit Fischer-Dieskau und Janowitz, und ich sollte die Amore singen. Natürlich habe ich mich wunderbar vorbereitet. Einen Tag nach dem Tod meines Vaters musste ich dort in München erscheinen. Richter wusste, dass mein Vater gestorben war, es war ja durch alle Zeitungen gegangen, und er hat mir dann sein Beileid ausgesprochen. Ich sagte ihm noch: „Seien Sie nicht böse, ich kann die Korrekturaufnahmen nicht mit abhören. Ich muss Sie bitten, das zu machen, ich bin da zu bewegt.“ Es war ja eigentlich eine schwere Arbeit, den Amor zu singen."



Edda Moser

1967 stand auch im Münchener Bach-Orchester eine bedeutungsvolle Neuverpflichtung an: der Hornist Hermann Baumann.

Hermann Baumann

"Dass ich nun zu Karl Richter stieß, verdanke ich Maurice André. Maurice André hat zu Richter gesagt: „Alles in Ihrem Ensemble passt sehr gut, der Chor, das Orchester, der Bach-Chor ist phantastisch, aber nicht das Horn.“ Und daraufhin bin ich engagiert worden und habe als erstes eine Tournee gemacht nach Italien und in die Schweiz. Auf dieser Reise hatte ich mein Debut. Bei der ersten Probe wollte er mich natürlich einmal hören. Ich bin aufgestanden und habe losgeblasen, als Solist natürlich. Am Ende war kurze Stille, ich sagte: „Wollen Sie, dass ich etwas anders mache?“ „Nein, nein!“ Und er hat so gelacht, und das ganze Orchester und der ganze Chor haben so gelacht. So etwas hatten sie noch nicht gehört, so völlig anders. "



Hermann Baumann

1968 tauchte wieder eine neuer Name auf den Konzertprogrammen des Münchener Bach-Chores auf: Horst Laubenthal.

Horst Laubenthal

"Ich erinnere mich noch an das erste Vorsingen. Da wurde ich in die Hochschule bestellt. Ich hatte die meisten Sachen noch gar nicht gesungen, nur die Matthäus-Passion, noch keine Johannes-Passion. Wir haben zwei oder drei Rezitative aus der Matthäus-Passion gemacht und die große Stelle: „Und ging hinaus und weinete bitterlich“. Dann fragte er: „Haben Sie da Zeit oder da Zeit“, und so habe ich durch das kleine Vorsingen gleich mehrere Konzerte bekommen, und ich war sehr froh, schon so früh mit Karl Richter zusammen musizieren zu dürfen. Aber ich hatte ihn auch jahrelang wirklich beobachtet, um seinen Stil in mich aufzunehmen."



Horst Laubenthal

Remembering the Era Karl Richter in Munich: Year 1966 ff. [EN]

In the meantime Maurice André had launched a grandiose career as soloist and from then onwards was not always at Karl Richter’s disposal. The trumpet position was taken over by his compatriot Pierre Thibaud. He took part in the Christmas Oratorio for the first time in Salzburg 1966 in the Festival Hall.



Pierre Thibaud

In 1966, Peter Schreier with whom Karl Richter, ever since the Kreuzschule days, shared a friendly relationship, sang the part of the Evangelist in Bach’s Matthew-Passion for the very first time on March 3, 1966 in the Congress Hall of the German Museum and two days later in the Hall of the Music Society in Vienna. It was here too that the sensational debut of the Hungarian Contralto, Julia Hamari, took place.

Julia Hamari

“I stood up for the “Erbarme dich” aria, and I think, I sang well. That was the very first Matthews-Passion of my life. Of course nobody wanted to believe me. Such a beginning was normally not possible. The aria came to an end, and I looked at him and he looked at me there was this crazy pause, this awful pause: everything stood still nobody stirred; and then the choir started very slowly to sing the choral. Then he very quickly did the subsequent Recitative, looking angrily at me all the time, as if it was my fault that he was so surprised.”



Julia Hamari

The Summer of 1967 was the start of the musical collaboration between Karl Richter and the celebrated Mozart singer Edda Moser.

Edda Moser

“I had received an engagement, through the Deutsche Grammophon Gesellschaft, that Gluck’s Orpheo was to be recorded with Fischer-Dieskau and Janowitz and I was to sing the part of Amore. Needless to say I had prepared myself prodigiously. Just one day after my Father’s death I had to appear there in Munich and sing. Richter knew, that my father had died, it had been in all the Newspapers, and he expressed his sympathy. I said to him: please don be angry with me but I can’t listen to the correction recordings. I must ask you to do that for me, I am much too deeply moved. It was in fact very hard work, singing the Amor.”



Edda Moser

1967 a very important new engagement was arranged: the Hornist Hermann Baumann joined the Bach Orchestra.

Hermann Baumann

“The fact that I happened to meet Karl Richter: was thanks to Maurice André. Maurice André had said to Richter: “Everything in your ensemble fits together very well, the choir, the Orchestra, the Bach-Choir is fantastic, but not the Horn”, and on the strength of that I was engaged and took part in the first tour of Italy and Switzerland. It was on this trip that I had my debut. At the first Rehearsal he of course wanted to hear me. I got up and let loose as soloist of course. At the end there was a short silence, I said: “Do you want me to do something else?” No, no he said, and laughed so much, that the whole Orchestra joined in and then the Bach Choir as well. They had never heard anything quite like it before.”



Hermann Baumann

In 1968 a new name appeared on the Concert Programs of the Munich Bach-Choir, Horst Laubenthal.

Horst Laubenthal

“I can still remember the first audition. I had an appointment at the Music Academy. Most of the pieces I had never sung before, only the Matthews-Passion, but not the St. John-Passion. We did two or three recitals from the Matthews-Passion, including the grand part 'Und ging hinaus und weinete bitterlich'. And then he asked me: “Do you have time at such and such a date?”, and that is how with just one small audition I was given parts in several concerts, and was very happy to be able to perform with Karl Richter at such an early stage. Although I had observed him closely for many years, in order to adopt his style.”




Horst Laubenthal

11. März 2008

Die Ära Karl Richter in München: Die Jahre 1964 ff. [DE]

Einzig genial! überschrieb der Spiegel im November 1965 einen Artikel über Karl Richters künstlerische Entwicklung. Richter hatte aus Amerika den Ruf erhalten, das offizielle Kennedy-Gedenkkonzert in der New Yorker Philharmonic Hall zu spielen. Richter, sein Münchener Bach-Chor und das Bach-Orchester waren, wie der Kritiker Ulrich Dibelius befand, inzwischen zu einer Institution geworden. Und Karl Schumann sah in Richter den bedeutendsten Bach-Interpreten des Jahrzehnts.

Inzwischen hatten sich zu den bewährten Protagonisten der Konzertaufführungen und Schallplatteneinspielungen neue Namen gesellt, in der zeitlichen Reihenfolge waren dies: Hermann Prey, Johannes Fink, Maurice André, Christa Ludwig und Gundula Janowitz, Franz Crass, Ernst-Gerold Schramm, Peter Schreier, Julia Hamari, Peter van der Bilt, Hermann Baumann, Edda Moser, Horst Laubenthal, Edith Mathis und Helen Donath.



Johannes Fink inmitten von Bach-Choristen

Johannes Fink

"Ich ging im Mai 1964 in die Hochschule zum Unterricht und laufe mit meinem Cellokasten an der Pforte vorbei. Aus der Pforte stürmt ein dicker, großer, schwitzender Mann auf mich zu und fragt: „Haben Sie einen Frack? Haben Sie einen gültigen Reisepass? Sie sind engagiert.“ Dann habe ich ein bisschen gestutzt und hab gefragt, worum es denn eigentlich ginge, und dieser Mensch hat mir dann gesagt, dass in zwei Tagen eine Konzertreise des Münchener Bach-Chores und -Orchesters nach Italien stattfinden soll und ein Cellist der Oper absagen musste, weil er von seinem Chef nicht frei bekommen hat. Und jetzt braucht er dringend, unbedingt einen Cellisten.

Ich bin dann zu meinem Celloprofessor gegangen, habe ihn gefragt, und er hat gesagt: „Unbedingt zusagen, unbedingt, ganz, ganz wichtig.“ Und dann bin ich wieder zu dem Herrn Klosa, das war der Hausmeister der Hochschule und, wie sich dann später herausgestellt hat, die rechte Hand von Karl Richter, und hab' „ja“ gesagt, war dann in der Markuskirche am nächsten Tag zu zwei Proben, und am übernächsten Tag saß ich mit Frack und Reisepass, denn das waren ja meine Qualifikationen, im Zug mit Bach-Chor und Bach-Orchester."

Auf dieser Konzertreise war erstmals auch Maurice André mit dabei. Er war als Juror im Fach Trompete zum ARD-Wettbewerb 1963 nach München gekommen, hatte sich dann aber entschlossen. selber als Spieler am Wettbewerb teilzunehmen, und gewann unangefochten und überragend den 1. Preis. Karl Richter verpflichtete Maurice André sogleich für seine Aufführungen, das Debüt erfolgte auf dieser Tournee nach Italien und in die Schweiz, wo in Palermo, L’Aquila, Florenz, Turin, Mailand, Vicenza und beim Bachfest in Schaffhausen neben Haydns Schöpfung, Bachs Johannes-Passion und die h-moll-Messe auf dem Programm standen.



Maurice André auf der Italientournee 1964

Lotte Schädle

"Schon die Überfahrt von Reggio nach Messina war eine stimmungsvolle Angelegenheit. Bei sternklarem Himmel spielte Maurice André an Deck auf seiner Bachtrompete. Es war herrlich. "

Karl-Christian Kohn

"Dieses allerletzte Konzert der Italien-Reise in Vicenza, das war unheimlich. Ich hatte manchmal das Gefühl, als wenn er Todesnähe empfunden hätte. Nach dem Konzert war er ja ziemlich schweigsam, hat sich da hingesetzt, hat seinen Rotwein getrunken. Mir war unbegreiflich, dass er dann am andern Tag quicklebendig war. Aber die Art und Weise, wie er nach einem Konzert da saß, gerade da in Vicenza, der Eindruck war unglaublich. Ein Genie, hier war ein Musikgenie am Werk. Das war der Unterschied zu den anderen, auch guten Dirigenten. Aber hier war ein Genie am Werk. Ganz einwandfrei."



Karl Richter in Italien 1964

Wieder zurück in München, war die Schallplattenaufnahme von Georg Friedrich Händels Messias für die Deutsche Grammophon Gesellschaft angesagt, die erste Einspielung mit Maurice André an der Trompete. Im Februar 1965 folgte dann Bachs Weihnachtsoratorium - mit Gundula Janowitz, Christa Ludwig, Fritz Wunderlich und Franz Crass - und natürlich mit Maurice André, und im April brach Richter mit Chor und Orchester zur ersten Konzertreise in die USA auf.

1966 flog Karl Richter mit seinem Ensemble nach Finnland zu Konzerten in Helsinki und Turku und nur wenig später zum English Bach-Festival nach Oxford. Überall stand jeweils auch Bachs h-moll-Messe auf dem Programm, und stets war Maurice André mit von der Partie.

Hertha Töpper

"Ich weiß, dass wir in Helsinki damals eine unglaublich geglückte h-moll-Messe hatten. Da war auch wieder diese Übereinstimmung - Keilberth würde sagen, da war Gott im Raum - es war ein ungeheures Fluidum zu spüren. Da gab es ein Empfinden von „es kann überhaupt nichts passieren“. Wir waren wie unter einer Glocke. Jeder von uns gibt das Beste, aber wir wurden irgendwie geführt, wir konnten gar nicht anders, als dass jeder das Beste gab. Es war eine so geschlossene, fast schwebende Aufführung."



Karl Richter und Maurice André in Helsinki 1966

Im November 1966 gelangte im Deutschen Museum München Händels Oratorium Judas Maccabäus zur Aufführung. „Es war ein Abend des dirigentischen Glanz und Gloria“ schrieb Karl Schumann in der SZ. „und er wird durch den herben, verzückten Klang des Bach-Chores, durch Maurice Andrés Wundertrompete und durch den energischen Bogenstrich des Bach-Orchesters eine kostbare Konzerterinnerung bleiben. Der Beifall schien die Mauern von Jericho einstürzen zu können.“ ..."

Johannes Fink

"Eines Tages ruft mich der damalige Besetzungschef von Karl Richter an, der Herr Kirchner, und fragt: „Trauen Sie sich zu, in einer Bach-Passion Gambe zu spielen?“ Na ja, ich war damals 22, 23 Jahre alt, da traut man sich sehr viel zu, und ich habe natürlich „ja“ gesagt. Dann bin ich zu den ersten Proben gekommen. Karl Richter, hat mich sehr tastend angesehen, er hat kein Wort gesagt, dann war die Generalprobe der Johannes-Passion. Hertha Töpper hat die Es-ist-vollbracht-Arie gesungen. Er hat auch nach der Generalprobe kein Wort gesagt, nur, als wir dann vom Podium runter gegangen sind, kommt er zu mir her und sagt: „Aber morgen Abend spielen Sie nicht auswendig.“ Dann hab ich gesagt: „Doch, Herr Professor, ich werde auch morgen auswendig spielen, wenn ich was auswendig spiele, dann kenne ich das Stück so gut.“ Er drauf: „Was machen Sie, wenn sich jemand verspielt?“ „Das wird nicht der Fall sein.“ „Nein, ich möchte nicht, dass Sie auswendig spielen, es macht mich nervös.“

Und da musste ich ein bisschen schmunzeln, denn er hat ja alles auswendig dirigiert, gespielt, geprobt, er kannte die Taktzahlen auswendig. Ich hab dann trotzdem auswendig gespielt und er hat kein Wort darüber verloren. Man wartet schon das erste Mal, wenn man spielt, dass er sagt: „Es war gut“, oder man wartet erst recht darauf, dass er sagt: „Es war nicht gut“. Nichts gehört!"



Johannes Fink

Remembering the Era Karl Richter in Munich: Year 1964 ff. [EN]

UNIQUELY INGENIOUS!!! was the title given to an article in the Spiegel in November 1965, about Karl Richter’s artistic development. Richter had been summoned from America to play the official Kennedy Memorial Concert at the New York Philharmonic Hall. Karl Richter, his Munich Bach Choir and the Bach Orchestra had become in the meantime, as the music critic Ulrich Dibelius stated, a fixed institution on the musical scene. Karl Schumann saw in Richter one of the most significant Bach interpreters of the century.

In the meantime new names had joined the established protagonists of concert performances and gramophone recordings these in chronological sequence were: Hermann Prey, Johannes Fink, Maurice André, Christa Ludwig and Gundula Janowitz, Franz Crass, Ernst- Gerold Schramm, Peter Schreier, Julia Hamari, Peter van der Bilt, Hermann Baumann, Edda Moser, Horst Laubenthal, Edith Mathis and Helen Donath.



Johannes Fink with Bach-Choristers

Johannes Fink

"In May 1964 I was on my way to lessons at the Music Academy. I was walking past the main door with my Cello case, when suddenly a big stout perspiring man rushed out of the door in my direction and asked, “Do you have a dress coat? And do you have a valid passport? You are engaged”! I was a bit confused and asked, what it was all about, and this person told me, that in two days time a concert tour of the Munich Bach Choir and Orchestra was due to leave on it’s way to Italy and the opera cellist had had to say no, because his boss would not give him time off. And he now desperately needed a cellist.

I went to my Professor to ask his advice and he said, I should accept at all costs. I then went to the caretaker of the Academy, who was as it later transpired figuratively speaking, Karl Richter’s ”right hand”, and said, “Yes”. The next day I was in the Markuskirche for two rehearsals, and two days later with my dress coat and my valid Passport, which were so to say my Qualifications, I was sitting in the train as part of the Bach Choir and Orchestra."

Maurice André was on this Concert Tour for the first time too. He had come to Munich in 1963 to act as juror at an ARD Television Trumpet Competition, but had then decided to take part himself and won an unchallenged and outstanding first prize. Karl Richter engaged Maurice Andre on the spot for his stage performances. André’s debut took place on the concert tour in Italy and Switzerland, where in Palermo, L’Aquila, Florence, Turin, Milano, Vicenza and at the Bach Festival in Schaffhausen, where not only Haydn’s 'Schoepfung', but Bach’s Johannes Passion and the b-minor Mass a part of the program.



Maurice André during the Italian tour in 1964

Lotte Schaedle

"The crossing from Reggio to Messina was in itself an uplifting experience. Under a starlit heaven Maurice André stood on deck and played his Bach trumpet, it was glorious."

Karl Christian Kohn

"This very last Concert on the Italian tour in Vicenza was uncanny. I sometimes had the feeling, that he could feel death’s proximity. After the concert he was rather quiet, he sat down and drank his red wine. Seeing him like that, it was almost impossible to imagine, that on the next day he would be full of life again. But the way he would sit there after a Concert as he did in Vicenza, the impression it left was incredible. A genius. Here was a music genius at work. That was the difference between Richter and other good conductors; here was a Genius at work. Absolutely faultless."



Karl Richter in Italy 1964

Back in Munich it was time for the Gramophone recording of Georg Friedrich Handel’s 'Messiahs' for the Deutsche Grammophon Gesellschaft: the first recording to be made with Maurice André on the Trumpet. Bach’s Christmas Oratorio followed in February 1965, featuring Gundula Janowitz, Christa Ludwig, Fritz Wunderlich and Franz Crass, and of course Maurice André. In April of the same year, Richter, together with Choir and Orchestra, set off for the very first U.S.A - Concert tour.

In 1966 Karl Richter flew with his ensemble to Finland for concerts in Helsinki and Turku and a short time later to the English Bach Festival in Oxford. Bach’s High Mass in b-minor was to be found on each and every concert program and Maurice André was always part of the team.

Hertha Toepper

I know, that once in Helsinki we had an incredibly successful b-minor Mass. There was this feeling of complete and utter harmony: Keilberth would have said, that God was present - it was a tremendous atmosphere, you had the feeling “nothing can go wrong”. It was as though we were under a protective Cloche. Every one of us gave his or her best, we felt as though we were somehow being lead and that we couldn’t do anything else but give our best. It was an enclosed and almost floating performance."




Karl Richter and Maurice André in Helsinki 1966

"In November 1966 Handel’s 'Judas Maccabaeus' was put on stage in German Museum in Munich. Karl Schumann wrote in the Sueddeutschen Zeitung: ”It was an evening full of conducting brilliance and glory and thanks to the austere, rapturous resonance of the Bach Choir, Maurice André’s wonder trumpet and the Bach Orchestra’s forceful strokes of the bow, will always remain a precious Concert memory. The applause was such it could have brought the walls of Jericho tumbling down.” ..."

Johannes Fink

"One day Karl Richter’s Casting Director, Herr Kirchner, called me and asked: “do you trust yourself to play the Bass Gambe in a Bach Passion?” Now at that time I was 22, 23 years old, an age where one trusted oneself to do a great number of things, and I of course answered with yes. I then went to the first rehearsal. Karl Richter looked at me very tentatively, but did not say a word. Then came the general rehearsal for the Johannes Passion. Hertha Toepper sang the 'Es ist vollbracht' - aria . He did not say anything after the General Rehearsal either, but when we were leaving the podium he came to me and said: “but tomorrow evening you are not to play off by heart!” But of course I’ll play by heart, Herr Professor, when I play something from memory; it means I know the piece very well. He thereupon: “And what will you do if somebody else makes a mistake??“ “That won’t happen”. “No I don’t, want you to play off by heart, it makes me nervous.”

At that I had to smile a bit because he had conducted and practiced and played everything from memory. He knew all the measures by heart. So despite everything I played by memory and he never said another word about it. When something was played for the first time, you always waited for him to say: “It was good” or maybe even more so to hear “it was not good”. Not a word was said."



Johannes Fink

22. August 2007

Karl Richter vor 40 Jahren: Gluck's Orfeo ed Euridice

In den letzten August-Tagen des Jahres 1967 startete Karl Richter seine intensive Beschäftigung mit der Oper. Als erstes stand eine Schallplatten-Produktion der Deutschen Grammophon Gesellschaft mit Christoph Willibald Gluck's Orfeo ed Euridice auf dem Plan.

Die Solisten waren Dietrich Fischer-Dieskau als Orfeo, Gundula Janowitz als Euridice und Edda Moser in ihrem ersten Engagement bei Richter als Amore. Den Münchener Bach-Chor und das Bach-Orchester leitete Karl Richter.

Diese Aufnahme gibt es inzwischen auch auf CD, sie ist über den Conventus Musicus Online-Shop zu beziehen.


Dietrich Fischer-Dieskau und Karl Richter


Dietrich Fischer-Dieskau


Gundula Janowitz


Edda Moser

Alle Fotos stammen von der damaligen Schallplatten-Produktion.