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17. April 2008

Vor 40 Jahren: Bach in Moskau und St. Petersburg (Russland) - Teil 2 -

(Fortsetzung)
Aus den Aufzeichnungen von Kieth Engen zur Russland-Tournee des Münchener Bach-Chores und Bach-Orchester vom 14 bis 21. April 1968 nach Moskau und St. Petersburg (damals Leningrad):

Die Tonhöhe unserer Orchesterinstrumente muß auf die der Orgel umgestimmt werden, und zum Jubel der Sänger wird festgestellt, daß die russische Tonhöhe fast um ein Viertel eines Tones tiefer liegt als die im Westen gebräuchliche. Aber selbst der mit absolutem Gehör behaftete Karl Richter bestätigt, daß unsere östlichen Kollegen nicht zu tief, sondern daß wir im Westen zu hoch gestimmt sind. Das ist nicht politisch gemeint.



Probe für Bachs Johannes-Passion mit Karl Richter und Ursula Buckel

Während der Probe füllt sich der Balkon des Zuschauerraums mit Studenten, die von ihren Vorlesungen kommen. Jetzt erfahren wir auch, daß unseren Konzerten ein überwältigend großes Interesse entgegengebracht wird. Der normale Preis für eine Konzertkarte beträgt zirka zwei Rubel, der höchste Preis für eine Opernkarte im Bolschoitheater drei Rubel – die teuersten Karten für unsere Konzerte kosten fünf Rubel (ein Rubel ist etwas mehr als ein Dollar) – aber beide Konzerte waren innerhalb weniger Stunden ausverkauft.




Probe für Bachs Johannes-Passion mit Karl Richter und Ernst Haefliger

Polizeiliche Absperrungen und Menschenmassen vor dem Konservatorium am Abend. Die Karteninhaber müssen vier Kontrollen passieren, ehe sie in den Saal gelassen werden, viele müssen draußen bleiben; die Crème de la Crème von Moskau ist zu dem Konzert gekommen – und doch gibt es eine Loge, die leer bleibt, die schönste, die prächtigste, die mit roten Teppichen geschmückte, die Regierungsloge. Man sagt uns zwar, daß diese Loge äußerst selten besetzt ist, aber schließlich wurde unsere Tournee nur ermöglicht durch die offizielle Genehmigung der sowjetischen Regierung; doch die Loge bleibt leer – für beide Konzerte. Es gab für das erste Konzert eine russische Fahne und, nach längeren Kämpfen unseres deutschen Impresarios, auch eine deutsche Flagge auf dem Podium. Das zweite Konzert sangen wir fahnenlos.




Probe für Bachs h-moll-Messe mit Karl Richter und Hertha Töpper

Die Johannes-Passion beginnt mit den Worten: „Herr, unser Herrscher, dessen Ruhm in allen Landen herrlich ist! Zeig uns durch deine Passion, daß du, der wahre Gottessohn, zu aller Zeit, auch in der größten Niedrigkeit, verherrlicht worden bist.“ Diese Worte erklingen in einem Land, wo es der Kirche wohl erlaubt ist, zu existieren, aber wo seit 50 Jahren keine Bibel gedruckt wurde, wo man keine Bibel kaufen kann – und wo es trotz wiederholter Anstrengungen von Seiten deutscher diplomatischer Kreise nicht möglich war, den Wortlaut der Passion im Programmheft abzudrucken.




Die Titelseite des Konzertprogramms von Bachs h-moll-Messe

Dies ist wahrscheinlich der Hauptgrund, warum ich mich innerlich frage, wie viele unserer Zuhörer die wahre Bedeutung der Johannes-Passion erfassen konnten. Sicherlich war es eine ganze Menge; viele, die den biblischen Text kannten, und viele, die die deutsche Sprache beherrschten – und doch glaube ich, daß ein großer Teil des Publikums „nur“ der Musik gefolgt ist, sich aber den Quellen dieser Musik, dem Johannes-Evangelium, nicht nähern konnten.




Die Mitwirkenden bei Bachs h-moll-Messe

Trotzdem muß ich sagen, daß das Publikum sowohl in Moskau als auch in Leningrad zu dem besten gehört, das mir je begegnet ist. Das konzentrierte, gespannte Interesse, mit dem es die Konzerte bis zum Ende verfolgte, kann wohl von keinem Publikum irgendeines Landes auf der ganzen Welt übertroffen werden. Am Ende des Konzertes erlebten wir unseren ersten typisch russischen Applaus. Ein Applaus, der in der uns gewohnten Weise beginnt, sich aber bald zu einem rhythmischen Unisonoklatschen entwickelt, das bis zum Ende nicht mehr variiert – nicht in der Lautstärke und nicht in dem eintönigen Rhythmus.




Pierre-Jacques Thibaut und Karl Richter bei der Probe zu Bachs h-moll-Messe

Am nächsten Abend, für das Konzert der h-Moll-Messe, gab es einen noch größeren Andrang, die Polizeisperre wurde von vielen Menschen durchbrochen, und die Gänge auf dem Balkon waren brechend voll von jungen Menschen, die sich hier noch einen letzten Stehplatz erjagten. Bei uns würde ein solcher Andrang in den Gängen zum sicheren Nervenzusammenbruch aller Feuer- und Ordnungshüter führen, aber nichts dergleichen schien in Moskau zu passieren.




Empfang in der Deutschen Botschaft vor der Weiterfahrt nach Leningrad

(Fortsetzung folgt)

19. März 2008

Die Ära Karl Richter in München: Die Jahre 1966 ff. [DE]

Maurice André hatte inzwischen eine grandiose Solisten-Karriere gestartet und stand hinfort Karl Richter nicht mehr so oft zur Verfügung. Den Trompeten-Platz nahm nun sein Landsmann Pierre Thibaud ein, erstmals beim Weihnachtsoratorium 1966 im Salzburger Festspielhaus.



Pierre Thibaud

1966 sang zum ersten Mal Peter Schreier, Karl Richter seit den Tagen der Kreuzschule in Dresden freundschaftlich verbunden, den Evangelisten in Bachs Matthäus-Passion, am 3. März im Kongresssaal des Deutschen Museums in München und zwei Tage später im Musikvereinsaal Wien. Hier ereignete sich auch das sensationelle Debüt der ungarischen Altistin Julia Hamari.

Julia Hamari

"Ich stand auf für die Erbarme-dich-Arie, und ich glaube, ich habe gut gesungen. Das war die erste Matthäus-Passion meines Lebens. Natürlich wollte das niemand glauben. So einen Anfang gibt es überhaupt gar nicht. Die Arie war zu Ende, und ich schaue ihn an, und er schaut mich an, und es entstand eine Wahnsinns-Pause, eine furchtbare Pause, es ging nicht weiter. Dann fing der Chor an, ganz langsam den Choral zu singen. Dann hat er ganz schnell das folgende Rezitativ gemacht und mich dabei so böse angeschaut, aber so böse, als wenn ich etwas dafür konnte, dass er überrascht war."



Julia Hamari

Im Sommer 1967 begann die musikalische Zusammenarbeit Richters mit der gefeierten Mozartsängerin Edda Moser.

Edda Moser

"Ich hatte ein Engagement über die Deutsche Grammophon bekommen, dass Orfeo von Gluck aufgenommen würde mit Fischer-Dieskau und Janowitz, und ich sollte die Amore singen. Natürlich habe ich mich wunderbar vorbereitet. Einen Tag nach dem Tod meines Vaters musste ich dort in München erscheinen. Richter wusste, dass mein Vater gestorben war, es war ja durch alle Zeitungen gegangen, und er hat mir dann sein Beileid ausgesprochen. Ich sagte ihm noch: „Seien Sie nicht böse, ich kann die Korrekturaufnahmen nicht mit abhören. Ich muss Sie bitten, das zu machen, ich bin da zu bewegt.“ Es war ja eigentlich eine schwere Arbeit, den Amor zu singen."



Edda Moser

1967 stand auch im Münchener Bach-Orchester eine bedeutungsvolle Neuverpflichtung an: der Hornist Hermann Baumann.

Hermann Baumann

"Dass ich nun zu Karl Richter stieß, verdanke ich Maurice André. Maurice André hat zu Richter gesagt: „Alles in Ihrem Ensemble passt sehr gut, der Chor, das Orchester, der Bach-Chor ist phantastisch, aber nicht das Horn.“ Und daraufhin bin ich engagiert worden und habe als erstes eine Tournee gemacht nach Italien und in die Schweiz. Auf dieser Reise hatte ich mein Debut. Bei der ersten Probe wollte er mich natürlich einmal hören. Ich bin aufgestanden und habe losgeblasen, als Solist natürlich. Am Ende war kurze Stille, ich sagte: „Wollen Sie, dass ich etwas anders mache?“ „Nein, nein!“ Und er hat so gelacht, und das ganze Orchester und der ganze Chor haben so gelacht. So etwas hatten sie noch nicht gehört, so völlig anders. "



Hermann Baumann

1968 tauchte wieder eine neuer Name auf den Konzertprogrammen des Münchener Bach-Chores auf: Horst Laubenthal.

Horst Laubenthal

"Ich erinnere mich noch an das erste Vorsingen. Da wurde ich in die Hochschule bestellt. Ich hatte die meisten Sachen noch gar nicht gesungen, nur die Matthäus-Passion, noch keine Johannes-Passion. Wir haben zwei oder drei Rezitative aus der Matthäus-Passion gemacht und die große Stelle: „Und ging hinaus und weinete bitterlich“. Dann fragte er: „Haben Sie da Zeit oder da Zeit“, und so habe ich durch das kleine Vorsingen gleich mehrere Konzerte bekommen, und ich war sehr froh, schon so früh mit Karl Richter zusammen musizieren zu dürfen. Aber ich hatte ihn auch jahrelang wirklich beobachtet, um seinen Stil in mich aufzunehmen."



Horst Laubenthal

Remembering the Era Karl Richter in Munich: Year 1966 ff. [EN]

In the meantime Maurice André had launched a grandiose career as soloist and from then onwards was not always at Karl Richter’s disposal. The trumpet position was taken over by his compatriot Pierre Thibaud. He took part in the Christmas Oratorio for the first time in Salzburg 1966 in the Festival Hall.



Pierre Thibaud

In 1966, Peter Schreier with whom Karl Richter, ever since the Kreuzschule days, shared a friendly relationship, sang the part of the Evangelist in Bach’s Matthew-Passion for the very first time on March 3, 1966 in the Congress Hall of the German Museum and two days later in the Hall of the Music Society in Vienna. It was here too that the sensational debut of the Hungarian Contralto, Julia Hamari, took place.

Julia Hamari

“I stood up for the “Erbarme dich” aria, and I think, I sang well. That was the very first Matthews-Passion of my life. Of course nobody wanted to believe me. Such a beginning was normally not possible. The aria came to an end, and I looked at him and he looked at me there was this crazy pause, this awful pause: everything stood still nobody stirred; and then the choir started very slowly to sing the choral. Then he very quickly did the subsequent Recitative, looking angrily at me all the time, as if it was my fault that he was so surprised.”



Julia Hamari

The Summer of 1967 was the start of the musical collaboration between Karl Richter and the celebrated Mozart singer Edda Moser.

Edda Moser

“I had received an engagement, through the Deutsche Grammophon Gesellschaft, that Gluck’s Orpheo was to be recorded with Fischer-Dieskau and Janowitz and I was to sing the part of Amore. Needless to say I had prepared myself prodigiously. Just one day after my Father’s death I had to appear there in Munich and sing. Richter knew, that my father had died, it had been in all the Newspapers, and he expressed his sympathy. I said to him: please don be angry with me but I can’t listen to the correction recordings. I must ask you to do that for me, I am much too deeply moved. It was in fact very hard work, singing the Amor.”



Edda Moser

1967 a very important new engagement was arranged: the Hornist Hermann Baumann joined the Bach Orchestra.

Hermann Baumann

“The fact that I happened to meet Karl Richter: was thanks to Maurice André. Maurice André had said to Richter: “Everything in your ensemble fits together very well, the choir, the Orchestra, the Bach-Choir is fantastic, but not the Horn”, and on the strength of that I was engaged and took part in the first tour of Italy and Switzerland. It was on this trip that I had my debut. At the first Rehearsal he of course wanted to hear me. I got up and let loose as soloist of course. At the end there was a short silence, I said: “Do you want me to do something else?” No, no he said, and laughed so much, that the whole Orchestra joined in and then the Bach Choir as well. They had never heard anything quite like it before.”



Hermann Baumann

In 1968 a new name appeared on the Concert Programs of the Munich Bach-Choir, Horst Laubenthal.

Horst Laubenthal

“I can still remember the first audition. I had an appointment at the Music Academy. Most of the pieces I had never sung before, only the Matthews-Passion, but not the St. John-Passion. We did two or three recitals from the Matthews-Passion, including the grand part 'Und ging hinaus und weinete bitterlich'. And then he asked me: “Do you have time at such and such a date?”, and that is how with just one small audition I was given parts in several concerts, and was very happy to be able to perform with Karl Richter at such an early stage. Although I had observed him closely for many years, in order to adopt his style.”




Horst Laubenthal