19. März 2007

Ernst Haefliger †


Ernst Haefliger 6. Juli 1919 - 17. März 2007

Am vergangenen Samstag, 17. März 2007, verstarb Ernst Haefliger in Davos im Alter von 87 Jahren. In Erinnerung bleiben vor allem seine Interpretationen des Evangelisten in Bachs Passionen, besonders in den Aufführungen des Münchener Bach-Chores unter Karl Richter.

Im Juli 1958 begann Haefligers Zusammenarbeit mit Karl Richter in der auch heute noch Maßstab setzenden Schallplattenaufnahme von Bachs Matthäus-Passion für die Archiv-Produktion der Deutschen Grammophon Gesellschaft. In den beiden darauffolgenden Jahrzehnten war Ernst Haefliger Richters wichtigster Protagonist im Tenorfach, sowohl in den Münchner Konzerten wie auch bei der Ansbacher Bachwoche und auf den zahlreichen Konzertreisen, beispielsweise in Japan 1969.


Ernst Haefliger und Karl Richter in Paris 1963

In der SZ schrieb der Kritiker Karl Schumann anlässlich der Aufführung von Bachs Johannes-Passion beim Münchener Bach-Fest 1969 u.a.

"Gelegentlich wird davon geredet, dass es vielleicht an der Zeit sei, an einen Nachfolger für den Oratorientenor Ernst Haefliger zu denken, wird Richters klassischer Evangelist doch demnächst ein Fünfiger. Ermutigende Kunde: Der Nachfolger ist gefunden. Er heißt Ernst Haefliger. Der Sensitivissimus unter den Tenören steht in einer neuen vokalen Blüte. Was er an Schlichtheit des Singens, an korrekter Atemführung und an unmanirierter Diktion leistete, macht ihn zu einem Bach-Tenor von höchstem Rang. Seine Verbindung von weichem Timbre, Intellegenz und Empfinden war das vokale Zentrum der Aufführung..."

Ernst Haefliger wurde am 6. Juli 1919 in Davos geboren. Eigentlich wollte er Musiklehrer werden und studierte am Konservatorium in Zürich Geige. Doch sein Singtalent wurde schnell erkannt. Er nahm Gesangsunterricht bei Julius Patzak in Wien und Fernando Carpi in Prag. Als 24-Jähriger debütierte er in Zürich als Evangelist in Bachs Johannespassion.

Eine besondere Vorliebe entwickelten die Japaner für den Schweizer Tenor. Für die Hingabe bedankte sich Haefliger mit Aufnahmen romantischer japanischer Lieder, die extra für ihn ins Deutsche übersetzt worden waren.



Als Opernsänger war Haefliger von 1943 bis 1952 Ensemblemitglied am Opernhaus Zürich. Danach war er bis 1972 erster lyrischer Tenor an der Deutschen Oper Berlin. In dieser Zeit sang er alle Tenorpartien von Mozarts Opern und nahm unter der Leitung von Ferenc Fricsay unter anderem Beethovens "Fidelio" auf. Darüber hinaus war der Tenor ständig Gast großer Festspiele, etwa in Luzern, Salzburg und Glyndebourne.

Bis 1990 wirkte Haefliger dann als Professor für Gesang an der Hochschule für Musik in München. Neben seiner Tätigkeit als Lehrer veröffentlichte er auch das Buch "Die Singstimme".

Seinen Namen trägt der erste Schweizer Gesangswettbewerb für junge Opernsängerinnen und -sänger von internationalem Format. Der "Concours Ernst Haefliger" fand im August 2006 in Bern und in Gstaad zum ersten Mal statt. (APA/sda)


Ernst Haefliger im Oktober 2004

in seiner Wiener Wohnung bei unserem Gespräch für die Buch- und DVD-Dokumentation "Karl Richter in München"

Ausschnitt aus dem Video-Interview (Peter-Lukas Graf, Ernst Haefliger, Julia Hamari)
Related Posts Plugin for WordPress, Blogger...