7. Juni 2008

Ehemalige Mitlieder des Münchener Bach-Chores erinnern sich an Karl Richters Probenarbeit (2)

Richter sprach bei den Proben im Grunde sehr wenig. Er erklärte wenig, warum er das so oder so haben will, oder wie es anders sein soll, er zeigte alles durch Dirigieren, durch seine Gesten, die Körpersprache und vor allem auch durch seine Mimik. Wenn er die Stirn runzelte oder die Nase so ein bisschen kraus zog, wussten wir alle, wie er es meinte und was er dann auch speziell haben wollte.

Ab und zu hat er dann von jeder Stimme einen, also im Quartett singen lassen. Dann ist er durch die Reihen gegangen, hat sich neben einen gestellt und genau zugehört.



Was faszinierend war, dass er jederzeit jeden im Blickfeld hatte, auch wenn er ganz wo anders hinsah. Und was ich so sehr geschätzt habe, war diese handwerkliche Perfektion, mit der er seine Proben gehalten hat. Ganz abgesehen vom Künstlerischen, er wusste genau über jede Stimme, über Aussprache, über all das Bescheid, und mit ganz wenig Worten und Gesten wurde das sofort auf den Chor übertragen. Es war faszinierend, man hat als Musiker auch unglaublich viel in den Proben gelernt.

Die Aufführungen unter Karl Richter waren natürlich immer ein riesiges Erlebnis. Aber genau so große Erlebnisse waren für mich die Proben. Es gab auch Proben, in denen nicht nur gearbeitet wurde. Ich erinnere mich an eine Probe immer wieder, da sagte Richter in den letzten 20 Minuten: „So, jetzt singen wir Singet dem Herrn ein neues Lied.“ Wir packen die Motetten aus, und er lässt die ganze Motette ohne eine Unterbrechung durchlaufen. Man hat gemerkt, dass es ihm selbst wahrscheinlich ein Bedürfnis war, diese Musik mit uns zu machen. Da war eine Spannung drin wie in einem Konzert. Er schlägt den letzten Ton ab, nimmt den Mantel und geht.



Es waren auch am Samstagnachmittag Proben, die er nicht halten konnte, und ich sollte sie übernehmen. Ich fragte ihn aber: „Ja, meinen Sie, dass da wirklich alle kommen, bei diesem schönen Wetter?“ Es war Ende Juli. „Ach, wissen Sie,“ meinte er, „jedem Recht machen kann es nur ein Esel.“ So ging die Probe über die Bühne, und es waren alle da, ohne Ausnahme. Ich konnte eine volle h-moll-Messe-Probe machen können, obwohl sie Samstagnachmittag um drei Uhr angesetzt war.

Der vollständige Wortlaut der Interviews ist in der Buch-Dokumentation Karl Richter in München – Zeitzeugen erinnern sich [ISBN: 978-3000168642] enthalten.

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