29. September 2005

Dietrich Fischer-Dieskau ueber Karl Richter

Dietrich Fischer-Dieskau
Bariton



geboren 28 Mai 1925
in Berlin

Aus seinem Beitrag:

... Während der Aufführungen enthusiasmierte er Ausführende wie Hörende, und nie konnten die genau Einstudierten sicher sein, ob sie nicht geheimnisvoll in ganz andere Ausdruckssphären und damit andere Tempi und Lautstärken geführt wurden, nicht wissend, wie ihnen geschah.

Kein bequemer Künstler war er, folglich auch kein bequemer Mensch. So hat er nicht bloß Anstöße gegeben, sondern auch Anstoß erregt. Wer wie er sein ganzes Leben einsetzt, ohne Rücksicht auf das Herz oder die immer gefährdeten Augen, der kann auch unduldsam bis zur Härte werden, wenn es um das Werk, die Leistung - und nicht zuletzt ums Ansehen ging.

Dietrich Fischer-Dieskau Hompepage

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Joachim Kaiser ueber Karl Richter

Joachim Kaiser
Theater-, Literatur- und Musikpublizist



geboren 18. Dezember 1928
in Milken, Ostpreußen

aus seinem Beitrag:

... So versunken, so eingesponnen dieser Karl Richter in seine Musik war (manchmal, im Gespräch, wirkte er sogar vollkommen abwesend und gab auf direktes Befragen erschrocken zu, er repetiere gerade den Verlauf einer bestimmten Kantate), sein Wissen und Können machten ihn nie „sicher".

Irgendeine abträgliche Bemerkung irgendeines Musikkritikers, dem Richters Bach zu romantisch oder zu starr, zu traditionalistisch oder zu empfindsam war, konnte ihn - es war eine schmerzliche Scham - entsetzlich tief treffen. Da glich er Furtwängler, den er als Ausdrucksvorbild bewunderte. (Und der, selbst wenn jedermann ihn lobte, wegen irgendeiner Provinz-Rezension völlig die Nerven verlor.)

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27. September 2005

Buchdokumentation Karl Richter in Muenchen – in der Druckerei

Nun ist es geschafft, die Printdokumentation unseres Karl-Richter-Projekts anlässlich seines 80. Geburtstages und gleichzeitig 25. Todestages im kommenden Jahr kann in Druck gehen.

In zweijähriger aufwändiger Arbeit haben wir alle verfügbaren Zeitzeugen der Münchner Ära Karl Richters aufspüren und die allermeisten von ihnen nach ihren Erinnerungen an diese Zeit befragen können. Ausschnitte aus den Interviews lesen Sie auch in unserem Blog.

Am gestrigen Dienstag morgen habe ich die fertigen Text- und Bilddateien auf zwei CDs zu Br. Alfred Engert, dem neuen Chef von Benedict Press, nach Münsterschwarzach gebracht.


Wir sind das Buch im einzelnen durchgegangen, haben einige Überlegungen und Verbesserungen angebracht und warten nun auf den Korrekturabzug Ende kommender Woche. Dann wird Bruni Thauer, unsere Lektorin in München, das Opus noch einmal gründlich korrekturlesen.

Das Buch im Format 20 cm x 20 cm beinhaltet auf 276 Seiten die vollständigen Interviews und Beiträge von 36 Zeitzeugen, eine ausführliche Würdigung von Leben und Wirken Karl Richters sowie eine Chronik wichtiger Daten des Münchener Bach-Chores der Jahre 1951-1981. Mit 370 Fotos (schwarz-weiß) aus den Archiven der Zeitzeugen - die allermeisten bisher noch nicht veröffentlicht - dokumentieren einen bedeutenden Zeitabschnitt in der Bach-Interpretation des vergangenen Jahrhunderts.

Bis zum 1. Nov. 2005 gibt es die Dokumentation zum Subskriptionspreis.

KartOO Karl Richter in Muenchen

Karl Richter München Weblog aus der KartOO Sicht

18. September 2005

Kurt-Christian Stier erinnert sich an Karl Richter

Kurt-Christian Stier
Konzertmeister



geboren 3. Februar 1926
in Gütersloh

Aus dem Interview:

... Wie ich zur Viola kam, das war so: Ich wohnte damals mit Valentin Härtel (Professor an der Hochschule), der in dem Bach-Orchester als Bratscher spielte, im selben Haus. Und eines Tages klingelte Härtel bei mir, und sagte: „Du musst mit mir nächste Woche Viola d’amore spielen.“

Da hab ich gesagt: „Valentin, das kann ich nicht, ich hab eine Viola noch nie in der Hand gehabt, ich hab keine Ahnung.“ - „Das kannst du“, hat er gesagt. „Richter hat zu mir gesagt, Sie müssen sich einen guten Zweiten besorgen!“ Gut, dann sind wir nach Pasing gefahren zu einem Geigenbauer und haben eine Viola d’amore geholt, und ich bekam vom Valentin Härtel Unterricht. Und musste nach acht Tagen diese zwei Stücke spielen aus der Johannes-Passion (Betrachte meine Seel’ und Erwäge).

Es ist ja so, dass ich von der Viola eigentlich nichts gewusst habe und mir alles aneignen musste. Die Viola d’amore hat sieben oder acht Saiten, wird anders eingestimmt als eine Geige. Die Saiten haben eine ganz andere Stimmung, die Stimmung ist sogar variabel, sie sind fixiert auf Dur- oder Mollakkord usw., aber es sind Stimmungen, die mit der Stimmung der Geige nichts zu tun haben. Wir haben ja da die Quintstimmung.

Und auf der Viola d’amore geht es gleich schon los mit der sogenannten E-Saite, das ist aber keine E-Saite. Das Schwierigste beim Umlernen ist nicht das Lesen, sondern das Gefühl zu haben, mit dem Bogen auf der richtigen Saite zu bleiben. Denn wenn man da mal einen Ton verkehrt gespielt hat, dann wird es unheimlich schwierig, sich zurecht zu finden, wo, auf welcher Saite man ist, eben wegen der vielen Saiten.


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15. September 2005

Elmar Schloter erinnert sich an Karl Richter

Elmar Schloter
Orgel



geboren 6. März 1936
in Schneeberg, Unterfranken

Aus dem Interview:

... Die großen Konzerte fanden regelmäßig an bestimmten Orten statt, im Herkulessaal und im Kongresssaal des Deutschen Museums. Am wohlsten fühlte ich mich eigentlich immer im Herkulessaal. Am unwohlsten war mir im Deutschen Museum und zwar deshalb, weil die Orgel geteilt war. Ein Teil war auf der rechten Seite und ein Teil war auf der linken Seite. Jetzt, wenn man da im Rang oben vor dem dritten Manual saß, das man am meisten benutzt hat, weil es ein Schwellwerk hatte, dann konnte es schon vorkommen, wie es mir mal passiert ist:

Da saß da oben ein Kritiker der Süddeutschen Zeitung und hörte zu. In der Zeitung schrieb er dann Folgendes: "An der Orgel saß ein vorwitziger Kuckuck, der immer zu früh und vorne weg gespielt hat." Man kann eigentlich gar nichts dazu, und trotzdem kommt man dann in so eine Situation.


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10. September 2005

Subskriptionsangebot: Buchdokumentation 'Karl Richter in Muenchen'

Mit der Druckerei haben wir jetzt das Format, die Ausstattung und den Preis für die Herstellung der Buchdokumentation besprochen:

Karl Richter in München - Zeitzeugen erinnern sich



im Format 20 x 20 mit 276 Seiten, 370 Abbildungen (s/w), mit

- Interviews mit Zeitzeugen und Künstlern
- Fotos und Anekdoten
- Konzertreisen, Erinnerungen und Begegnungen
- Chronik: Die Konzerte des Münchener Bach-Chores in aller Welt

erscheint am 20. November 2005. Der Verkaufspreis wird 28,95 betragen.

Als Angebot an die Musikfreunde und Bewunderer des Wirkens von Karl Richter, dem Münchener Bach-Chor und dem Münchener-Bachorchester, sowie für die Wegbegleiter, Künstler und Mitglieder des Bach-Chor und des Bachorchesters bieten wir bis 1. November 2005 einen

Vorbestellpreis von nur 24,95 (Festbestellungen, inkl. Porto Deutschland)

Und natürlich soll dieses Angebot und Ihre Bestellung mithelfen, die Planung der Auflage sicherer zu machen! Bitte machen Sie regen Gebrauch von diesem Subskriptionsangebot!

Bestellungen bitte an Conventus-Musicus

Bei Abnahme von Mengen ab 20 Exemplaren oder als Sonder-/Geschenkausgabe machen wir Ihnen gerne ein spezielles Angebot.

Versand auch gerne ins Ausland (dafür fallen jedoch zusätzliche Portokosten an) per Banküberweisung oder gerne auch über PayPal (u.a. Beispiel mit Kreditkarte).

9. September 2005

Lotte Schaedle erinnert sich an Karl Richter

Lotte Schädle
Sopran



geboren 23. Oktober 1926
in Füssen

Aus dem Interview:

... Unvergessen ist mir die Italientournee von 1964. Wir fuhren im Zug mit dem Chor, Orchester und Solisten und der wunderbaren Hedwig Bilgram als Organistin und eben den Solisten: Hertha Töpper, Ernst Haefliger und Karl Christian Kohn.

Schon die Überfahrt von Reggio nach Messina war eine stimmungsvolle Angelegenheit. Bei sternklarem Himmel spielte Maurice André an Deck auf seiner Bachtrompete. Es war herrlich. Dann die drei Konzerte in Monreale (bei Palermo), in der über und über mit Mosaiken geschmückten Basilika. Zur Aufführung kamen die Johannes-Passion, die Hohe Messe und meine heißgeliebte Schöpfung. Die Sizilianer waren hochbegeistert, wir hatten also sehr viel Applaus.


Paul Meisen erinnert sich an Karl Richter

Paul Meisen
Flöte



Paul Meisen
geboren 1933 in Hamburg

Aus dem Interview:

... Die Japan-Tournée 1969 war sicherlich der Höhepunkt. Beeindruckt waren wir ja auch von der Wechselwirkung von Podium aus, Karl Richters Ausstrahlung, aber auch die Wechselwirkung vom Publikum her. Es soll, und ich glaube, das ist auch richtig, die erste ungekürzte Fassung der Matthäus-Passion gewesen sein, die in Japan erklungen ist. Und wir erinnern uns an den wunderschönen großen Saal Bunka Kaikan, voll bis auf den letzten Platz, und das Publikum hatte die Texthefte vor sich. Sie verfolgten alle einzeln den Text in Deutsch. Und sie blätterten alle um, wir spürten, dass alle umblätterten, wir hörten aber kein Geräusch, die Konzentration war so faszinierend. Das war vielleicht die beeindruckendste Matthäus-Passion meines Lebens. Diese Geschlossenheit, diese Einheit zwischen Hörern und Spielern, da ging kein Blatt dazwischen, das war ein Ganzes. Für mich war es das unvergessendste und unvergesslichste Erlebnis der Matthäus-Passion.

Bei dieser Reise in Japan, die ja hauptsächlich eine Chorreise war, hatten wir auch ein Konzert ohne Chor. Da sind wir als Orchester, als Kammerorchester nach Yokohama gefahren. Und es war eine besondere Heiterkeit, dass auf einmal nur die Orchestermusiker untereinander waren. Wir haben dort, unter anderem, ein Cembalokonzert gespielt. Karl Richter machte ja immer alles auswendig. Das Cembalokonzert war vor der Pause, und in der Pause standen wir alle beisammen, und der Karl Richter sagte: „Na ja, das Cembalokonzert. Wie ich das so gespielt habe, da hab’ ich gedacht, Karli, du hast eigentlich eine ganz gute Technik, und schon war ich draußen." Solche Geschichten gibt es ja viele von Karl Richter.

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7. September 2005

Siegmund Nimsgern erinnert sich an Karl Richter

Siegmund Nimsgern
Bass



geboren am 14.01.1940
in St. Wendel, Saarland

Aus dem Interview:

... Es waren genau vier Jahre, die ich mit Richter arbeitete, 1970, 1971, 1972, 1973 und 1974, dann war plötzlich Schluss. Mit der h-moll Messe fing es also an. Die kam dann öfter, weil ich offensichtlich die beiden auseinanderliegenden Arien sehr gut im Hals hatte, und dieses Jahreszeiten-Konzert. Dann kamen Bach-Kantaten und Matthäus- und Johannes-Passion, Jahreszeiten in Paris mit dem Rundfunk und die Schöpfung mehrmals in Buenos Aires.

Der Schlusspunkt, zufällig oder absichtlich, ich weiß es nicht, war 1974 in Ottobeuren in dieser wunderbaren Basilika der Elias von Mendelssohn Bartholdy. So weit ich das in Erinnerung habe, war Karl Richter kein so wilder Elias-Fan, ich weiß es natürlich nicht genau. Er hatte ihn vorher schon gemacht und auch später. Aber ich glaube, das war für ihn das gefundene Fressen, dass er einen jungen Sänger hatte, der alles so wie ein junger, temperamentvoller Prophet sang. Heute mache ich das etwas anders, schon altersbedingt.

Es waren exakt diese vier Jahre, und nach dieser Richterzeit, als hätte jemand da Regie geführt, fing ich in München in der Oper an und habe dort die ganzen nächsten Jahre sehr viel gesungen. Aber der Herr Richter ist mir nie mehr begegnet und hat mich nie mehr genommen. Ich habe dann bei Schneidt, seinem Nachfolger, noch ab und zu etwas gemacht, und das war es dann, und seit der Zeit war der Münchener Bachchor quasi aus meinem Leben gestrichen.

5. September 2005

Aurèle Nicolet erinnert sich an Karl Richter

Aurèle Nicolet
Flöte



geboren am 22.01.1926
in Neuchâtel, Schweiz

Aus dem Interview:

... Dann kam auch eine Tournee in Südamerika, auch mit Kammermusik. Wir wohnten im selben Hotel, an der Copacabana in Rio de Janeiro. Vor dem Konzert am Nachmittag ruft mich Karl Richter in meinem Zimmer an: „Was machst du, Aurèle?“ Ich sage: „Nichts Besonderes.“ „Komm zu mir“. Ich ging zu ihm, und er las eine Partitur, eine große Partitur. Er konnte damals sehr schlecht lesen. Er hatte eine Brille, sehr stark, dazu eine Lupe. Er las einen Satz aus der Missa Solemnis von Beethoven und er hatte das in zehn Minuten gelernt.

Karl Richter war engagiert, um eine Orgel einzuweihen, eine neue Orgel, die er gar nicht kannte. Ich habe ihn begleitet, und er guckt zuerst diese Orgel an, vier Manuale und so viele Register, er guckt, und dann fängt er an zu spielen. Und mit einer Sicherheit, genau die Entfernung zu den verschiedenen Registern zu finden. Manchmal hat er eine Taste von dem obersten Manual mit der Nase erwischt. Und ich dachte Oh, oh, oo! das ist genial.

Ich fragte Karl Richter: „Wie lange brauchst du, um eine Tabulatur zu kennen?“ „Halbe Stunde, dann ist es drin.“

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2. September 2005

Horst Laubenthal erinnert sich an Karl Richter

Horst Laubenthal
Tenor



geboren 8. März 1939
in Eisfeld, Thüringen

Aus dem Interview:

... Ich muss einen Vergleich ziehen. Ich habe die Matthäus-Passion mal mit Karajan gemacht. Der hat das, glaube ich, mit 6 Celli und vier Kontrabässen besetzt, halbes Tempo dirigiert, auch die Geduld-Arie. Am Ende der Arie, wo bei Richter dieser Aufschrei kommt, da ist bei Karajan äußerstes Pianissimo. Aber bei Richter hat es mich fasziniert, weil es gebrannt hat bis zum Schluss.

Ich habe die Matthäus-Passion auch in Hamburg getanzt gesehen, und Günther Jena, Richters Schüler, hat das ebenso interpretiert, das war faszinierend. Also diese Arie mit dem kleinen Arioso vorne weg, das war immer wieder überwältigend. Ich sehe Richter immer noch wie er da gespielt hat, mit dem ganzen Körper, entspannt, aber mit äußerster Kraft in das Cembalo hinein.

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