26. September 2008

Walcker-Orgel in Wien

Am Sonntag, den 29. September 1968, also heute vor 40 Jahren, wurde im Musikvereinssaal Wien die neue Walcker-Orgel Opus 5300 eingeweiht, die im Zusammenwirken mit Prof. Rudolf Gamsjäger, dem Generalsekretär der Gesllschaft der Musikfreunde Wien, und Prof. Karl Richter als künstlerischem Berater gebaut worden war.

Eine ausführliche Würdigung dieses Opus befindet sich auf der Homepage von Walcker.



Karl Richter mit Rudolf Gamsjäger anno 1974 an der Walcker-Orgel Opus 5300 im Musikverein Wien

Karl Richter und Max Reger

Die Interpretation der Orgelwerke Max Regers war für Karl Richter von Anfang an ein Herzensanliegen. Bereits als Thomasorganist in Leipzig spielte er zur Einleitung der regelmäßig stattfindenden "Motette in der Thomaskirche" neben Bach und Buxtehude immer wieder Reger, so auch am 8. Dezember 1959 das "Benedictus" aus Opus 54.

Nach seiner Übersiedlung nach München stand auf dem Programm der allerersten "Münchener Abendmusik" am 25. April 1952 die große Phantasie und Doppelfuge über B-A-C-H op. 46. In der dritten Abendmusik umrahmten die Introduction und Passacaglia in d-moll sowie die Introduction und Passacaglia in f-moll Motetten von Johannes Brahms (u.a. Fest- und Gedenksprüche op. 109).

Ein Schlüsselerlebnis meiner Bach-Chor-Zeit war in einer Motette Ende 1965 Karl Richters faszinierende und einzigartige Interpretation der "Morgenstern"-Phantasie op. 40/1. Als 1. Bass stand ich in den Motetten in der Markuskirche immer oberhalb der Orgel und hatte freie Sicht auf die direkt vor mir liegende Orgeltabulatur. Es war für mich als jungen Musikstudenten zunächst unvorstellbar, wie Karl Richter dieses große und großartige Werk auswendig und selbst registrierend ohne jeden (erkenn- und hörbaren) Fehler spielte. Auch in den folgenden Jahren durfte ich immer wieder diese Faszination hautnah miterleben. Auf Konzertreisen gestattete er uns manchmal sogar, ihm beim Üben zuzuschauen und zuzuhören.

Während eines Kurzurlaubs im Fichtelgebirge besuchten meine Frau und ich in der vergangenen Woche auch Brand in der Opf., den Geburtsort von Max Reger. Ein überaus freundlicher und zuvorkommender Bürgermeister (Ludwig König) ermöglichte uns, außerhalb der offiziellen Zeiten das im dortigen Rathaus liebevoll eingerichtete Max Reger-Gedächtniszimmer zu besichtigen und gab uns die Erlaubnis, Fotos anzufertigen und sie in unseren Weblog zu übernehmen. Hierfür möchte ich ihm an dieser Stelle noch einmal ganz herzlich danken.

Sollten Sie einmal auf der B 303 durch das Fichtelgebirge fahren, versäumen Sie nicht, beim Silberhaus Richtung Nagel und Brand abzubiegen und nach wenigen Kilometern inmitten des Ortes Geburtshaus und Gedächtniszimmer Ihre Aufwartung zu machen. Eine kurze Anmeldung beim Bürgermeister wäre auf jeden Fall sinnvoll (+49-(0)9236-230)!

Kleine Foto-Galerie vov Geburtshaus und Gedächtniszimmer



Geburtshaus von Max Reger und Pfarrkirche



Geburtshaus Regers im Jahre 1873. Hinter dem Fenster links unten verbirgt sich das Geburtszimmer.



Und so schaut das Geburtshaus heute aus.



Max Reger-Gedächtniszimmer im Rathaus von Brand i. d. Opf.







Als Mitbringsel für den dafür vorgesehenen Geschenktisch übergaben wir dem Bürgermeister eine bei Conventus Musicus erschienene CD mit Werken Max Regers, die der ehemalige Domorganist Paul Damjakob im Jahre 1996 auf der großen Klais-Orgel des Würzburger Domes eingespielt hat.



Der kleine Max Reger mit seinen Eltern







Die Totenmaske



Umschlagseite der Orgelnoten von Max Regers Phantasien op. 40/1 und 40/2



Erste Seite des Autographs von Max Regers "Phantasie und Fuge über B-A-C-H"

12. September 2008

Siegmund Nimsgern über die Probenarbeit mit Karl Richter



Siegmund Nimsgern (links) und Karl Richter während der Fernsehaufnahme von Bachs Johannes-Passion in der Klosterkirche zu Dießen am Ammersee

Ich kann mich bei der Probenarbeit nicht erinnern, dass Richter substantiell etwas kritisiert hätte. Gelobt hat er auch nicht, er hat an sich ganz wenig gesagt. Ich habe das immer so verstanden, dass wir, blind oder sehend, ohne große Diskussion uns immer verstanden haben. Ich muss dazu sagen, dass ich ein sehr revolutionärer, aufmüpfiger junger Mann gewesen bin, der sich eigentlich mit jedem Dirigenten, wenn es um eine Sache ging, die mir nicht gepasst hat, angelegt hat. Aber bei Herrn Richter, vielleicht auch aus Respekt und Ehrfurcht, Angst möchte ich nicht bemühen, war ich irgendwie handzahm. Es war auch alles so richtig. Also habe ich damals die Rezitative relativ breit und langsam gebracht. Mir kam das so richtig vor, und ich glaube, er hat das bei mir auch so empfunden.


Siegmund Nimsgern (rechts) und Ernst Gerold Schramm während der Fernsehaufnahme von Bachs Johannes-Passion in der Klosterkirche zu Dießen am Ammersee

Ich kann mich nicht erinnern, dass er einmal gesagt hätte: Können Sie das nicht so oder so anders machen? Außer was ich vorher schon sagte, dass er den Pilatus bei den Filmaufnahmen der Matthäus-Passion, den er von mir ja gar nicht kannte, anders haben wollte. Wir waren schon geschminkt und haben uns einfach zum Filmen hingestellt. In einem Tag oder zwei war das ja gemacht. Da wollte er, ich erinnere mich, diese Vorhalte beim Petrus nicht. Und dann bei Pilatus, „was führet ihr für Klage wider diesen Menschen", das war ja fast das Volk angebrüllt, aus lauter Angst bei Pilatus, das wollte er auch nicht so ganz rrrrrsch.


Siegmund Nimsgern im Interview am 13. Mail 2004 in St. Ingbert

Alle Interviews mit den Zeitzeugen (26 Vokal- und Instrumentalsolisten) sind auf 10 DVDs zum Preis von Euro 150,00 erhältlich, ebenfalls nur bei Conventus Musicus per E-Mail.

10. September 2008

Karl Richter über die Anfänge in München

In demselben Interview mit der "Welt" aus dem Jahr 1979 erinnert sich Karl Richter an die Anfänge in München.



Frage (Welt): Ist Ihre musikalische Karriere eigentlich so verlaufen, wie Sie sich das mit Anfang Zwanzig vorgestellt haben?

Karl Richter: "Ja, was hab’ ich mir damals vorgestellt? Ich wollte nicht berühmt werden deswegen, weil ich Organist an St. Thomas in Leipzig war, wo Bach der Thomaskantor gewesen ist. Ich wollte irgendwo, ganz gleich wo, einen Chor gründen und eine Musikgemeinde aufbauen, wo ich Orgel und Cembalo spielen und Kammermusik machen konnte, was ich jetzt tue.

Ich habe damals, als ich in den Westen kam, in mehreren Städten Probe gespielt. Auch in Freiburg. Aber da wurde ich nicht genommen, weil Harald Genzmer und Gustav Scheck der Meinung waren, dass ich kein Verhältnis zur zeitgenössischen Musik hätte.


Dann habe ich in München Probe gespielt. Und da hat mir der unlängst verstorbene Robert Heger als Präsident der Hochschule geschrieben, das Ministerium könne sich nicht entschließen, einen 24jährigen ins Lehrerkollegium aufzunehmen, aber sie würden mir anbieten, die Vertretung als Orgellehrer zu übernehmen für ein Semester. In der Zeit könnten sie sich dann um einen Besseren bemühen. Ich habe den Vorschlag angenommen und natürlich gehofft, dass sie keinen Besseren finden. Ja, so ist es gewesen."



Karl Richter an der Orgel von St. Thomas in Leipzig 1949

8. September 2008

Neue CDs mit Karl Richter

Bei Andromeda sind zwei neue CDs mit Karl Richter erschienen:

Bach, Messe h-moll BWV 232

Live-Mitschnitt vom 30.11.1956 in der Lukaskirche München mit Antonia Fahberg (Sopran), Hertha Töpper (Alt), Gerd Lutze (Tenor), Franz Kelch (Bass), dem Münchener Bach-Chor und einem Kammerorchester



2CD, ANDRCD 9042, ISBN 383025 490425, zu beziehen über JPC

Bach, Kantaten BWV 23, 56 und 70

Live-Mitschnitt vom 10.02. und 19.10.1957 in der Markuskirche bzw. Lukaskirche München mit Lotte Schädle, Hertha Töpper, Kieth Engen u.a., dem Münchener Bach-Chor und dem Bayerischen Staatsorchester



CD, ANDRCD 9043, ISBN 383025 490432 zu beziehen über JPC

Beide CDs haben eine äußerst spärliche Ausstattung, außer den Namen der Vokalsolisten fehlen auf dem vierseitigen Booklet jegliche weitere Informationen, z.B. zu den (in der h-moll-Messe doch nicht unwichtigen) Instrumentalsolisten, auch gibt es keinerlei Daten zu Karl Richter und zu seinen ersten Jahren in München. Daher möchte ich zwei Interview-Ausschnitte anfügen, in denen Karl Richter zur Frage des Chorklangs seines Bach-Chores und zum Wesen der Bach-Kantaten Stellung nimmt.

Rückblickend auf seine ersten Münchner Jahre sagte Karl Richter 1979 in einem Interview mit der „Welt" unter anderem: „Wir hatten damals einen besonders schönen Chorklang. Damals gab es besonders schöne Stimmen im Bach-Chor. Es war überhaupt eine ganz andere Zeit, die Konzerte waren voll von Studenten, das war das beste Publikum, die brachten auch den ganzen Erfolg. Es war ein Überangebot an jungen Leuten, die im Bach-Chor singen wollten. Überhaupt, die Jugend damals, die wollte singen."

Zum Abschluss der elfteiligen Bach-Ausgabe erschien im Klassik-Journal DG ein Artikel: Karl Richter über Bach. Hier schreibt Richter unter anderem über die Kantaten Bachs: „In der Kantate finden wir wohl den Bach, der sich in der Lehre des Dogmas auskennt, aber zugleich auch Mystik, Poesie, Lyrik, Traurigkeit und Freude in wunderbarer Musik darstellt. Die Kantate ist das eigentliche Zentrum seiner Werke. Nicht nur weil er als Kantor an St. Thomas in Leipzig jede Woche eine solche aufzuführen verpflichtet war, sondern weil er sein unbeschreibliches Wissen und Können aus einer unerschöpflichen Quelle seines musikalischen Genies in seiner Musik von innen heraus formulieren musste. Die Auslegung des Textes der heiligen Schrift, die seelische Tiefe, die hohe Geistigkeit, naive Frömmigkeit, dazu das große Genie machen die Sprache aus, die Bach in seinem Kantatenwerk spricht."

1. September 2008

Dietrich Fischer-Dieskau über Karl Richter



...Unglaublich aber immer wieder die Gedächtnisleistung: Ihm war das gesamte Tastenwerk wie alles, was Bach der menschlichen Stimme anvertraut hat, im Kopf und sofort verfügbar. Oft war er bis zum Konzertbeginn nicht völlig sicher, was auf dem Programmzettel stand. Und im Grunde konnte erst auf dem Weg über seine Interpretationen auf der Orgel oder dem Cembalo wirklich ermessen werden, wie seine Bach-Auffassung sich von Jahr zu Jahr rundete: von äußerster Strenge und Sachlichkeit ausgehend, wuchs er zum Ausdruck jener glutvollen Frömmigkeit, die ihn beseelte.



Dietrich Fischer-Dieskau bei der Bachwoche Ansbach 1956

...Bei der Erwähnung nur des geringsten musikalischen Details leuchteten seine Augen auf, und sein Interesse war geweckt. Und keiner wird den Ausdruck erfüllter Hingabe vergessen, den die von ihm interpretierte Musik auf sein Gesicht zauberte, auch noch lange nach der Aufführung.



Dietrich Fischer-Dieskau im Jahr 1977 (Brahms-Requiem)

...Meine letzte Begegnung mit ihm bei einem Deutschen Requiem von Brahms in Baden-Baden ließ den großen Atem und die Ausdruckstiefe spüren, die er als Dirigent verwirklichen konnte. Auf dem Gebiet der Oper - ich durfte Händels Cesare und Glucks Orfeo mit ihm musizieren - bewährte sich außer seiner improvisatorischen Spannkraft eben jener Umgang der menschlichen Stimme, den ihm das große, aber durch ihn selbst als beendet erklärte Kantaten-Projekt auf der Schallplatte beschert hatte.

(aus Dietrich Fischer-Dieskaus Beitrag zur Buch-Dokumentation „Karl Richter in München - Zeitzeugen erinnern sich")
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