21. Mai 2008

Happy 75th Birthday, Maurice André!



Karl Richter und Maurice André in Helsinki (1966)

Am 21. Mai 1933 wurde Maurice André in Alés, Frankreich geboren. Heute feiert er seinen 75. Geburtstag. Wir gratulieren herzlich und erinnern uns gerne an gemeinsame Konzerte und Tourneen u.a. 1964 nach Italien und in die Schweiz, 1965 in die USA und 1966 nach Finnland.

Ende der 1980er Jahre war Maurice André auch dreimal gemeinsam mit Hedwig Bilgram zu Gast bei den Conventus Musicus Konzerten in der der Abteikirche der Benediktinerabtei Münsterschwarzach, jedesmal vor mehr als 3000 begeisterten Zuhörern.

Karl Christian Kohn wäre heute 80 Jahre alt geworden

Karl Christian Kohn wurde am 21. Mai 1928 in Losheim bei Saarbrücken geboren. 1952 debutierte er am Stadttheater Saarbrücken, hatte danach Engagements in Düsseldorf und Berlin, bevor er 1958 zur Bayerischen Staatsoper nach München kam. Bis 1991 sang er in mehr als 2500 Vorstellungen seine Paraderollen, v. a. den Figaro in Mozarts Figaros Hochzeit und wurde für seine Verdienste mit dem Titel eines Kammersängers geehrt. Nach dem Ende seiner Bühnenlaufbahn unterrichtete er bis 1998 als Professor für Gesang am Salzburger Mozarteum. Er starb am 20 Januar 2006 an den Folgen innerer Verletzungen, die er sich bei einem Sturz in seinem Haus zugezogen hatte.

Karl Richter engagierte Karl Christian Kohn im Jahr 1959 für ein Konzert mit Händels Samson. Von da an sang er über mehr als ein Jahrzehnt hinweg regelmäßig in den Aufführungen von Mozarts Requiem, in den Oratorien von Händel und Haydn und in Bachs Matthäus-Passion (Arien).

Unvergessen bleiben für mich die beiden Konzertreisen nach Italien und in die Schweiz 1964 und 1967 mit seiner unterhaltenden Präsenz bei den langen Zugfahrten. Und auch unser letztes Zusammentreffen anlässlich des Interviews am 29. Mai 2004 in München sowie die vielen anschließenden Telefonate bis kurz vor seinem Unfall werden im Gedächtnis haften bleiben.



Karl Christian Kohn im Jahr 1962



Karl Christian Kohn während der Italien/Schweiz-Tournee 1964



Karl Christian Kohn während der Italien/Schweiz-Tournee 1964



Karl Christian Kohn während der Italien/Schweiz-Tournee 1967



Karl Christian Kohn im Jahr 1972



Karl Christian Kohn beim Interview in seinem Haus am 29. Mai 2004

Short Bio Karl Christian Kohn [in English] at bach-cantatas.com

19. Mai 2008

Walter Stangl gestorben

Wie wir erst jetzt erfahren haben, verstarb am 6. Mai völlig unerwartet Walter Stangl im Alter von 65 Jahren. Er war lange Zeit Bratscher bei den Münchner Philarmoniker und festes Mitglied des Münchener Bach-Orchesters und später dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks.



Aus ARPEGGIO (BR)(Ausgabe 6, 2006, PDF)



"Unser Bratschist Walter Stangl ging nach 25 Jahren Dienst im Symphonieorchester in den Vorruhestand. Er wurde im tschechischen Eger geboren und wuchs in Bamberg auf. Mit zwölf Jahren begann er mit dem Violinspiel, studierte bei Otto Büchner an der Münchner Musikhochschule. Mit 24 Jahren entdeckte er seine Liebe zum Wohlklang der Bratsche, sattelte um und studierte einige Zeit bei Franz Bayer. Mit 26 Jahren erspielte er sich seine erste Stelle bei den Münchner Philharmonikern, nach zehn Jahren wechselte er zum Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks ..."

Herzlichen Glückwunsch zum 80. Geburtstag von Antonia Fahberg

Am heutigen Montag feiert die am 19. Mai 1928 in Wien geborene Sopranistin Antonia Fahberg ihren 80. Geburtstag.

Nach dem Studium debütierte sie im Jahre 1950 am Landestheater Innsbruck, kam bereits zwei Jahre später nach München und sang über 25 Jahre lang viele kleine und große Rollen am dortigen Nationaltheater, der heutigen Bayerischen Staatsoper.

Ein gern gesehener Gast war sie bei den Salzburger Festspielen sowie an den Opernhäusern von Wien, Hamburg, Amsterdam und Brüssel.

Am 6. November 1955 sang Antonia Fahberg zum ersten Mal in einem Bach-Kantatenabend in der Markuskirche München, als sie für eine erkrankte Kollegin einsprang. In den folgenden Jahren gehörte sie zum festen Stamm des Richter'schen Solistenensembles und sang bis Ende der 1960-er Jahre im Wechsel mit Ursula Buckel alle Sopranpartien in den Kantaten, Passionen und – immer wieder – im Weihnachtsoratorium.



Antonia Fahberg im Jahre 1955




Antonia Fahberg bei der Schallplattenaufnahme zu Bachs Matthäus-Passion 1958




Antonia Fahberg und Hertha Töpper bei der Schallplattenaufnahme zu Bachs Matthäus-Passion 1958



Antonia Fahberg beim Interview in ihrem Zuhause am 18. Juli 2004


[In English] A short Bio Antonia Fahberg at bach-cantatas.com

16. Mai 2008

Die Ära Karl Richter in München: Die Jahre 1980 und 1981 [DE]

Im Juli 1980 kamen Karl Richter, sein Münchener Bach-Chor und das Bach-Orchester zum letzten Mal nach Ottobeuren.

Friedemann Winklhofer

An Richters letztes Ottobeuren 1980 kann ich mich noch gut erinnern. Am Sonntag, 20. Juli dirigierte er seine letzte h-moll-Messe, beim traditionellen Orgelkonzert am Abend zuvor sang zusätzlich der Bach-Chor Motetten, u. a. die beiden von mir einstudierten Werke von J. N. David und Z. Kodály, drum herum spielte er Reger und Messiaen. Den ganzen Tag war ich mit ihm an der Orgel, das war schon ein großes Erlebnis, ihm beim Üben an den beiden historischen Orgeln und an der großen Marienorgel zuhören und sozusagen „Mäuschen“ spielen zu dürfen.



Friedemann Winklhofer und Leonard Bernstein bei der Probe zum Karl-Richter-Gedenkkonzert


Prior P. Theodor Lutz

Schon in den letzten Jahren seines Lebens hatten ihn immer wieder Todesahnungen beschäftigt. Mit einem Freund, bei dem er während der Konzerttage in Ottobeuren wohnte, hat er des öfteren darüber gesprochen. Und auch sein letztes Orgelkonzert im Juli 1980 beinhaltete Orgelmusik, die allesamt den Tod zum Thema hatten. Es hatten ihn offensichtlich diese Todesahnungen begleitet, die dann ja auch Wirklichkeit geworden sind. Ich kann mich noch erinnern, dass Karl Richter schon vorher einmal Schwierigkeiten mit den Augen hatte. Nach einer erfolgreichen Netzhaut-Operation war er sehr glücklich. Er kam eigens nach Ottobeuren und hat mit Abt Vitalis Maier darüber gesprochen, wie dankbar er sei, nun wieder richtig sehen zu können.



Prior P. Theodor beim Interview am 21. Juli 2005 an der Dreifaltigkeitsorgel in Ottobeuren

Tags darauf, am 20 Juli 1980, dirigierte Karl Richter in der Stiftsbasilika seine vorletzte h-moll-Messe.

Claes H. Ahnsjoe

Ich weiß nicht, wie viele Male ich die h-moll-Messe mit Richter gesungen habe. Sie war auch die letzte Aufführung in Ottobeuren im Sommer 1980. Auch hier gab es so manche Glücksmomente, beim Benedictus oder beim Duett und auch den anderen wunderbaren Arien, die gerade unter seinen Händen so unglaublich stilistisch geformt und hochwertig wurden.

Beim allerletzten Weihnachtsoratorium, Teil I, war - wie seit 25 Jahren so oft - Kieth Engen mit von der Partie.


Kieth Engen


Karl Richter hat seine Garderobe meistens unten gehabt, weil er nach dem Konzert immer als erster weg wollte. Und wie es das liebe Schicksal haben will, bei diesem letzten Konzert im alten Deutschen Museum, musste ich zum ersten Mal mit ihm dieses Zimmer teilen, für dieses allerletzte Konzert, das Weihnachtsoratorium. Wir haben fast nichts miteinander geredet, nach 25 Jahren, und er ging schnell weg, damals. Ich konnte nicht einmal good-bye sagen, weil er so schell weg war.



Kieth Engen beim Interview am 10. Juni 2004


Aurèle Nicolet

Bei den letzten Konzerten seines Lebens hatte ich das Glück, sie mit ihm zusammen machen zu dürfen. Wir reisten als Duo, durch viele Städte von Deutschland. Frankfurt, München natürlich, Nürnberg, und auch in Norddeutschland. Und das letzte Konzert war in Wilhelmshaven. Er war so müde. Nach dem Konzert bin ich in seinem Zimmer geblieben und habe ein Bier bestellt. Da sagte er zu mir: „Aurèle, guck mal bitte in meinem Koffer, da liegt auf dem Boden ein Stück Papier.“ Und das Stück Papier, das war eine Abschrift von Luthers Testament. Und wir versuchten das auf Französisch zu übersetzen, und ich erinnere mich nur noch an den letzten Satz: „Wir sind alle Bettler.“



Aurèle Nicolet beim Interview am 3. März 2005

Kieth Engen

Karl Richter ist gestorben, 54 Jahre alt, am Sonntag Septuagesimae. Es war ein Sonnentag sondergleichen, bitterkalt. Er war im Hotel Vierjahreszeiten. Nebenan im Englischen Garten sind Dr. Weymar und seine Frau spazieren gegangen, sie haben nicht gewusst, dass er oben stirbt. Ich war hier. Und als ich das gehört habe, habe ich mein Losungsbuch aufgeschlagen, und diese Losungen und Lieder werden drei Jahre im voraus gezogen. Und am 15. Februar 1981 stand ein Lied von Philipp Spitta: „Am Tag, da er reden will, tu auf dein Herz und halt dich still. Da er mit dir sein Werk will tun, lass deiner Hände Werke ruhn.“ Das war für mich irgendwie für Karl Richter. Er hatte etwas Ewiges in seinem Wirken und in seinem Können, und was er geschaffen hat mit seinem Bach-Chor und mit der Bach-Renaissance hier in München. Das war einmalig und das war eine herrliche Zeit. Wir müssen trotz allem dem lieben Gott, dem lieben Karl Richter und dem lieben Johann Sebastian Bach auf den Knien danken.



Gedenktafel am Eingang zur Markuskirche München

Karl Heckel

Frau Richter, Gladys Richter, eine Malerin, in Erlenbach am Zürichsee, wo Richter mit ihr in späteren Jahren ein Haus gekauft hatte, bat mich dann, weil ich doch in der Nähe sei, ob ich statt eines reformierten Pfarrers, die ja dort die normale Landeskirche darstellen, als lutherischer Pfarrer ihn beerdigen würde. Ich hab dies gern getan als letzten Dienst an meinem Meister, und ich möchte sagen, mehr Hörlehrer, denn in der Hochschule hatte ich ja keine Stunden bei ihm gehabt.

Ich war begreiflicherweise sehr nervös, diese Beerdigung eines großen Mannes durchzuführen, welcher Pfarrer ist da nicht nervös. Und ich hab mir überlegt, was kannst du machen, um mit einer besonderen Geste auszudrücken, dass hier ein Großer bestattet wird. Da fiel mir ein, dass ich die Peters-Ausgabe der Bachmotetten besäße, mit der ich manchmal früher bei Richter Motetten gesungen hatte. Man muss wissen, dass einige dieser Motetten ausgesprochene Sterbemotetten sind. Und dann habe ich mir gedacht, ich opfere dieses Buch und werfe es in das Grab hinab als sichtbares Zeichen, dass einer der letzten, die Bach verstanden und dargestellt haben, davon gegangen ist.




Karl Richters Grab auf dem Friedhof Enzenbühl, Zürich


Karl Heckel


Bei der Trauerfeier in der Markuskirche habe ich von oben auf seinen Sarg geschaut, mir war ein Stück meines jungen Lebens zusammen mit ihm weggenommen. Im Hinausgehen aus der Kirche hörte ich, wie eine alte Frau zu einer anderen sagte: „Der Richter hat mich so beeindruckt, dass ich wieder zur Kirchgängerin geworden bin. Durch Bachs Musik bin ich wieder fromm geworden.“



Die Inschrift auf Karl Richters Grabstein

Remembering the Era Karl Richter in Munich: Year 1980 und 1981 [EN]

In July 1980 Karl Richter, his Munich Bach-Choir and the Bach-Orchestra went to Ottobeuren for the last time.

Friedemann Winklhofer

I can remember Richter’s last Ottobeuren very well. On Sunday 20th July he conducted his last Mass in B-minor. At the traditional Organ concert the evening before, the Bach-Choir had in addition sung Motetten, including works from J .N. David and Z. Kodaly, which we had rehearsed together. I spent the whole day with him. It was a fantastic experience being able to eavesdrop while he played pieces from Reger and Messian on the two historical organs as well as on the big Marien-Organ.



Friedemann Winklhofer and Leonard Bernstein during the rehearsal for the Karl-Richter-Memorial concert


Prior P. Theodor Lutz

During the last years of his life Richter had repeatedly been preoccupied with presentiments of death. He had often spoken about these fears with a friend he stayed with during the Ottobeuren Concerts. His last concert in July 1980 was predominately made up of Organ music that had death as its theme. It is obvious that these forebodings that then became reality had long been present. I can remember Richter some time before this, having trouble with his eyes. After a successful eye-operation, he was so happy, that he came especially to Ottobeuren, to tell Abbot Vitalis, how grateful he was to be able to see properly again.



Prior P. Theodor during our interview on July 21, 2005 on the Dreifaltigkeits-Organ in Ottobeuren


A few days afterwards on 20th July in the Collegiate Church Karl Richter conducted his last Mass in B-Minor.

Claes H. Ahnsjoe

I don’t know, how many times I had sung the B-Minor Mass. It was the last performance in the summer of 1980. Many happy moments transpired there, the Benedictus or the Duet as well as all the other wonderful Arias that in his hands alone became formed and styled to an incredibly high standard.

Kieth Engen took part in the very last Christmas Oratorio, Part One, as he had done so often over the last 25 years.

Kieth Engen

Karl Richter’s dressing room was usually downstairs, because he always wanted to be the first to leave after the concert. And as fate would have it, at this last concert in the German Museum, for the first time I had to share this room with him. The very last Concert was the Christmas Oratorio. We hardly spoke a word to one another, after 25 years and he left so quickly that time. I didn’t even have the chance to say goodbye.



Kieth Engen during our interview on June 10, 2004


Aurèle Nicolet

I had the luck to be with him at the last concert of his life. We traveled as a Duo through many German towns. Frankfurt, Munich of course, Nuremberg, and in north Germany as well. The last Concert was in Wilhelmshafen. He was very tired. After the Concert I stayed in his room and ordered a beer. He said to me: "Aurèle, take a look in my suitcase, there is a piece of paper lying in there." And that piece of paper was a copy of Luther’s Testament. And we tried to translate it into French, and I can only remember the last sentence: 'We are all beggars'.



Aurèle Nicolet during our interview on March 3, 2005


Kieth Engen

Karl Richter died, aged 54, on Septuagesima Sunday. A sunny day but bitterly cold. It happened in Hotel Vierjahreszeiten in Munich. Next door in the 'Englische Garten' Dr. Weymar and his wife were taking a walk, they didn’t know he, was dying up there in his room. I was here, and when I heard, what had happened, I opened my motto book. These mottos and songs were always drawn up 3 years in advance. For 15th of February there was a song from Philipp Spitta: "On the day when he wants to speak, open your heart and be still. So that he with you his work can do, let the work of your hands rest so." For me that was somehow for Karl Richter. There was something eternal about his work and in his mastery and in what he had created with his Bach-Choir and the Bach Renaissance here in Munich; something unique, a magnificent period of time. We must, in spite of everything, get down on our knees and say thanks to the Lord, and to Karl Richter and to Johann Sebastian Bach.



Memorial tablet at the entrance of the Markus-Church in Munich


Karl Heckel

Karl Richter’s widow, Gladys Richter, a painter, in Erlenbach on Lake Zurich, where she and Richter had later bought a house, requested me, because I was nearby, if I would, as a Lutheran clergyman, conduct the burial service in lieu of the Pastor belonging to the established national church. I was more than happy to be able to render this last service to my master, and I must say audio tutor, because I had never attended any of his courses at the Academy.

I was understandably very nervous, at the idea of carrying out the funeral of this great man, which clergyman wouldn’t be. I spent a lot of time thinking about what kind of special gesture I could make to mark the funeral of someone so special. It crossed my mind that I owned a copy of the Peters edition of the Bach-Motetten, which I had sometimes used in the past, when I had sung Motetten with Richter. Some of these Motetten were distinctly Motetten for the dead. I thought to myself, I would sacrifice this book by throwing it into the grave for all to see as a sign, that one of the last great musicians to have understood and interpreted Bach has gone forever.




Grave of Karl Richter's at the cemetery Enzenbuehl, Zuerich


Karl Heckel

At the funeral service held for Karl Richter in the Markus-Church in Munich, I looked down from above onto his coffin, and felt, that a part of my young life had, together with him, been taken away from me. On my way out of the church I heard one elderly lady say to another: "Richter impressed me so much so, that I started going to church again. Thanks to him and to Bach’s Music I have found my way back to God."



Inscriptions cut on Karl Richter’s Gravestone

8. Mai 2008

Die Ära Karl Richter in München: Die Jahre 1973 ff. [DE]


Claes H. Ahnsjö


Ich kam im September 1973 fest an die Oper nach München, war aber schon vorher zu Proben hier, und da wurde ein Treffen mit Professor Richter arrangiert. Ich bin zur Hochschule gegangen, sehr nervös und aufgeregt, weil ich wusste, wer diese unglaubliche Persönlichkeit war. Er hat mich zu einem Klavierzimmer geführt und gefragt: „Was haben Sie für Musik dabei?“ Da habe ich geantwortet: h-moll-Messe, Schöpfung, Johannes-Passion." Ja, Johannes-Passion ist gut."



Claes H. Ahnsjö beim Interview am 22. Mai 2004

Vorher hatte man mir gesagt, dass Professor Richter wenig Zeit hätte, ich sollte mich darauf konzentrieren, ein paar Rezitative und eine Arie zu singen. Ich fing also an, das erste Rezitativ und weiter und weiter. Nach einer Viertelstunde ungefähr brach er ab und sagte: "Wissen Sie, wenn Sie hier früher atmen und dann das durchhalten, dann schauen wir, was passiert, und dann machen wir es noch einmal. Ich habe das so gemacht, und dann hörte er zu spielen auf, schaute mich an und sagte: Ja, mein Lieber, so geht das auch."



Claes H. Ahnsjö in Paris 1981

1975 kam Bachs Matthäus-Passion in der Stiftsbasilika zur Aufführung. Julia Hamari sang die Altpartie.

1976 stand das Stabat Mater von Antonin Dvořák in Ottobeuren auf dem Programm. Bereits ein Jahr zuvor hatte Richter dieses beeindruckende Werk in München präsentiert. Neben Julia Hamari und Wolfgang Brendel waren Peter Schreier und Edda Moser zu hören.

Friedemann Winklhofer

Ich habe schon immer gerne Continuo gespielt, das war schon in meiner Schulzeit eine ganz besondere Liebe gewesen. Und immer hat mir Karl Richters Art und Weise gefallen, wie er das Continuo spielen ließ, was ich auch für mich aus den vorhandenen Schallplattenaufnahmen herausgefiltert habe. Mein großer Wunsch war in all den Jahren, einmal bei Karl Richter zu spielen, was aber schwierig war, weil er nur seine eigenen Schüler an das Continuo ließ. Otto Büchner und viele andere sagten immer wieder zu Richter: Nimm doch mal den Winklhofer, der macht das ganz gut", worauf Richter stets meinte: Das weiß ich, aber er ist nicht mein Schüler."



Friedemann Winklhofer beim Interview am 1. August 2005

Dann kam mein 26. Geburtstag im Jahr 1977, an dem ich mir das Vergnügen leistete, zu einem Konzert des Bach-Orchesters nach Innsbruck zu fahren. Als ich dort ankam, hat es geheißen: Winklhofer, sofort zu Herrn Prof. Richter" Richter fragte mich, ob ich im Mai bei der Bachwoche Schaffhausen h-moll-Messe spielen könnte. Selbstverständlich" antwortete ich, das ist ein sehr schönes Geburtstagsgeschenk", worüber er sich ebenfalls freute.



Friedemann Winklhofer in den 1980er Jahren

Remembering the Era Karl Richter in Munich: Year 1973 ff [EN]

Claes H. Ahnsjoe

In September 1973 I came to Munich to take up a permanent engagement at the Opera, although I had been there often enough for rehearsals, etc. A meeting had been arranged for me with Professor Richter. I made my way to the Academy, I was very nervous and excited, because I knew what an incredible personality he was. He showed me into a room with piano and asked: "Which music have you brought with you?" I answered: "Mass in B-minor, the Schoepfung and Johannes Passion". "Yes, Johannes Passion is good."



Claes H. Ahnsjoe during our interview on May 22, 2004

I had been told previously, that the Professor had very little time and that I should concentrate on a few recitatives and one aria. I began with the first recitative and went on and on. After about a quarter of an hour he cut me short and said: "You know if you breathe here a bit earlier, we can see what happens, and then we can do it all over again." I did just as he had said and then he stopped playing, looked at me and said: "Yes my dear friend, that’s how it works."



Claes H. Ahnsjoe in Paris 1981

In 1975 Bach’s Matthews-Passion was performed in the Stiftsbasilika, Julia Hamari sang contralto.

1976 The Stabat Mater from Antonin Dvořák was on the program for Ottobeuren. One year earlier Richter had presented this impressive work in Munich. Beside Julia Hamari and Wolfgang Brendel, Peter Schreier and Edda Moser also took part.

Friedemann Winklhofer

I have always had pleasure in playing the Basso continuo; even during my school years it was a very special love of mine. And I had always liked the way Karl Richter played the continuo, I had filtered this out of the many Gramophone Records available. My biggest wish all through the years was to play one time with Karl Richter, a rather difficult wish, because he only let his own pupils play on the continuo. Otto Buechner and many others had often said to him: "Take Winklhofer, he plays very well." To which he had always replied: "I know that, but he is not my student."



Friedemann Winklhofer during our interview on August 1, 2005

Then came my 26th birthday in 1977, to which I had treated myself to a concert in Innsbruck featuring the Bach-Orchestra. When I arrived, I was told to go at once to Professor Richter, Richter asked me, if I would be able to play the B-minor Mass in Schaffhausen at the Bach-Woche in May. "Of course I can", I replied, "that is a very nice birthday present", which pleased him as well.



Friedemann Winklhofer in the 80’s

6. Mai 2008

Die Ära Karl Richter in München: Die Jahre 1971 ff. [DE]

In diesem dritten Jahrzehnt von Karl Richters Münchner Ära häuften sich die Konzertreisen mit und ohne den Münchener Bach-Chor und Bach-Orchester innerhalb Europas, zunehmend aber auch in ferne Kontinente, regelmäßig zum Beispiel nach Brasilien, Argentinien, in die USA und nach Japan.

Anna Reynolds

Ich erinnere mich nicht so sehr an die ganze Konzertreise, nur am Anfang war es nicht sehr schön. Das Flugzeug war wahnsinnig verspätet, wir kamen in Washington an um Mitternacht und mussten am nächsten Tag singen. Aber ich erinnere mich an die Reise von New York nach Princeton, da haben wir ein Auto gemietet und Kieth Engen ist gefahren. Es war im späten September und ich habe zum ersten Mal diese unglaublichen Wälder von Ahornbäumen gesehen. Es war ein wunderschöner Herbsttag mit Sonne, es war so schön.




Anna Reynolds beim Interview am 1. August 2004

Horst Laubenthal

Ich war einmal mit Richter in Buenos Aires und habe die Missa solemnis von Beethoven gemacht,
Matthäus-Passion und die Oper Xerxes von Händel. Da hat er Oper dirigiert und das war sehr, sehr aufregend. Wir waren doch drei oder vier Wochen auf engstem Raum mit dem Regisseur zusammen. Da war er immer bei den Proben dabei. Für uns war das sehr aufregend, ihn, den reinen Konzertdirigenten am damals größten Opernhaus der Welt am Pult zu sehen. Wir waren auf der Bühne oft 20 bis 30 Meter von ihm entfernt und mussten schon sehr aufmerksam sein.



Horst Laubenthal beim Interview am 24. Oktober 2004

Johannes Fink und Edda Moser

Da hatte ein Cellist oder der, der die Gambe spielte, sich so was von vertan, dass John van Kesteren ein bisschen schräg hin schaute. Da ging der Cellist mit dem Messer auf den van Kesteren los. Richter verschwand natürlich sofort, weil man dachte, jetzt gibt es eine Messerstecherei. Da wurde dann Johannes Fink eingeflogen, weil es eben nicht anders ging.

Der Cellist war alles andere als zuverlässig, und irgendwann hat Karl Richter in der Pause entweder zu sich selber oder zu John van Kesteren gesagt: „Den hört man auch nur, wenn er in die Pause reinspielt.“ Das Pech war nur, dass der Cellist einer der wenigen im Orchester war, der Deutsch verstanden hat. Und der hat sich natürlich an seiner Ehre gepackt gefühlt, und dann ging es hoch her. Es war dann ein Riesenkrach, der Cellist wurde aus dem Orchester entfernt. Na gut, jetzt hat man einen gebraucht, der die Sachen so gut kannte, dass der sich einfach hinsetzen und spielen kann. Und dann ist halt der Fink eingeflogen worden.




Edda Moser beim Interview am 26. Juli 2004

Ein fester Programmpunkt aber war und blieb im Sommer eines jeden Jahres Ottobeuren mit der Aufführung eines großen Chor- und Orchesterwerks sowie dem traditionellen Orgelkonzert am Abend zuvor. Hier erlebten so manche Oratorien Georg Friedrich Händels glanzvolle Aufführungen: Judas Makkabäus, Samson, Belsazar, Messias und Israel in Agypten, dazu das Mozart-Requiem, Haydns Schöpfung, Mendelssohns Elias, Bachs Passionen sowie die h-moll-Messe.

Elmar Schloter

Bei den großen Konzerten in Ottobeuren hatte der Orgelbauer Albrecht Deiniger immer eine Continuo-Orgel mitgebracht, und da wusste man schon, was auf einen zukam. Aber es gab andere Situationen, wo man oben auf der Dreifaltigkeitsorgel spielen musste. Nun ist die Dreifaltigkeitsorgel in einer alten Stimmung, das heißt einen halben Ton tiefer. Ich musste also das ganze Continuo einen halben Ton höher spielen.



Dreifaltigkeits-Orgel in der Stiftsbasilika Ottobeuren

Die Schwierigkeit bei diesen beiden historischen Orgeln in Ottobeuren, rechts die Dreifaltigkeit-Orgel, links die Heiliggeist-Orgel, war, dass man früher noch keine genormte Tastatur hatte. Das heißt also, die Tasten waren entweder ziemlich breit oder ziemlich schmal. Und das Pedal war ziemlich eng und kurz. Da musste man sich wirklich gut einspielen, damit man da Orgelkonzerte spielen konnte. Und Richter hat das ja hervorragend gemacht. Ich hab mich oft gewundert, wie er das in der kurzen Zeit geschafft hat, auf so einer Orgel dann so ein Konzert abzuliefern. Das war einfach meisterlich.



Heiliggeist-Orgel in der Stiftsbasilika Ottobeuren

Edda Moser

Natürlich ist Richter in der großen Bachtradition vom Dresdner Kreuzchor aufgewachsen, aber Mendelssohn entsprach ihm sehr. Die Süße in der Musik und diese ungeheure Dramatik im Chor, das entsprach ihm, da konnte er sich voll ausleben. Er hat Bach auch so gemacht, dass man das Gefühl hatte, schöner geht es ja gar nicht, aber wenn er dann Mendelssohn dirigiert hat oder auch die Missa solemnis von Beethoven , da kamen ganz andere Quellen, die er in sich hatte, zum Strömen.



Edda Moser und Karl Richter in Paris 1974

Remembering the Era Karl Richter in Munich: Year 1971 ff [EN]

In these three decades of Karl Richter’s era in Munich, the concert tours with and without the Munich Bach-Choir and Bach-Orchestra had increased and multiplied not only within Europe, but also in far away countries such as Brazil, Argentina, the USA and Japan.

Anna Reynolds

I can’t remember all the Concert tours very well; it was not very nice in the very beginning. The plane was late and we didn’t land in Washington until around midnight and then had to sing on the next day. What I can remember is a trip from New York to Princeton, we had hired a car and Kieth Engen was driving. It was late September and I saw for the first time these incredible forests of Maple trees. It was a wonderful autumn day filled with sunshine, it was very beautiful.



Anna Reynolds during our interview on August 1, 2004

Horst Laubenthal

I was once in Buenos Aires with Richter. We performed the 'Missa solemnis' from Beethoven, the Matthew-Passion and the opera Xerxes from Handel. He conducted the Opera and it was very, very exciting: for three or four weeks we lived in very cramped quarters together with the director. Richter was always present at rehearsals. It was very exciting for us to see him, the absolute concert conductor standing at the podium of, for that time, the biggest Opera house in the world. We, on stage, were often 20 to 30 meters away from him and we really had to pay attention.



Horst Laubenthal during our interview on October 24, 2004

Johannes Fink and Edda Moser


Once a cellist or someone who played the Bass viol was so off-key that John van Kesteren gave him a disparaging look, whereupon the cellist went at van Kesteren with a knife. Richter of course disappeared immediately, thinking there was going to be a knifing. Then there was nothing else for it but to have Johannes Fink flown in. The cellist was anything else but reliable, and at one point or other during a break Richter said either to himself or to John van Kesteren: “ you can only hear him, when he plays in the interval”. Unfortunately the Cellist was one of the few who could understand German, and he of course felt his honor had been offended. There was a lot of excitement and a huge row, ending with the removal of the Cellist from the Orchestra, and that is why Johannes Fink was flown in.



Edda Moser during our interview on July 26, 2004

A fixed program event was and remained Ottobeuren. Every year in summer great musical works for Choir and Orchestra were performed, as well as the traditional Organ concert, which took place on the eve of the event itself. Here many an Oratorio from Georg Friedrich Handel could be enjoyed: Judas Makkabaeus, Samson, Belsazar, the Messiahs and Israel in Egyptian in addition to Mozart’s Requiem. Hayden’s Schoepfung, Mendelssohn’s Elias, Bach’s Passions as well as the high Mass in B-minor could also be heard.

Elmar Schloter

For the big concerts in Ottobeuren, the organ builder Albrecht Deininger always brought a Continuo-Organ with him. And then we knew, what was in store for us. But there were other situations, when the Dreifaltigkeits-Organ was to be played. The Dreifaltigkeits-Organ has an old tuning, meaning a half a note lower. I then had to play the complete Continuo half a note higher.



Dreifaltigkeits-Organ at the Basilica Ottobeuren


The problem with both of these historical organs in Ottobeuren, on the right the Dreifaltigkeits-Organ, on the left the Heiliggeist-Organ, was that in those days there was no standard keyboard. That meant that the keys were either pretty broad or pretty narrow, and the pedals were cramped and short, it really meant getting into practice to be able play at an organ Concert. And Richter really knew how to do just that excellently. I often used to wonder how he in such a short time and on such an organ was able to deliver the concerts that he did. He was truly a virtuoso.



Heiliggeist-Orgel at the Basilica Ottobeuren

Edda Moser

Of course Richter grew up in the great tradition of the Kreuzchor in Dresden, but Mendelssohn suited him better. The sweetness of the music and the immense drama of the choir, that satisfied him, he could really live out his feelings. He had done this with Bach in such a way that one had the feeling it could not have been done better, but when he conducted Mendelssohn or the Missa Solemnis from Beethoven, it was as though other resources deep within him started to flow.



Edda Moser and Karl Richter in Paris 1974
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