19. November 2008

Karl Richter über den Choral in den Passionen, Kantaten und Oratorien J. S. Bachs



Karl Richter in den frühen 1960er Jahren

In der selben Hörfunkreihe des Bayerischen Rundfunks "Musik und ihre Interpreten" von und mit Egloff Schwaiger (1964) sagte Karl Richter u. a.:

...Der Choral ist wohl das Phänomenalste bei Bach. Man kann ihn in der verschiedensten Weise interpretieren, man kann ebenso ein Piano wie ein Forte und alles, was dazwischen liegt, rechtfertigen.

Bach hat z. B. "Wenn ich einmal soll scheiden" in allen Tonarten geschrieben, und immer mit einem anderen Satz. Er hat diesen Choral jeweils ganz neu harmonisiert und dabei sogar Dur und Moll ausgewechselt.

Unvergleichlich genial ist auch die geistige Verbindung zu Beginn des Weihnachtsoratoriums: "Wie soll ich dich empfangen?", das ist die gleiche Melodie wie in "Wenn ich einmal soll scheiden" und in "O Haupt voll Blut und Wunden".

Karl Richter an der Orgel des Tschaikowsky-Konservatoriums in Moskau 1968

Bach wählt für den Beginn des Weihnachtsoratoriums auch noch die gleiche Tonart wie für den letzten Choral der Matthäus-Passion, nur lässt er den Anfangschoral des Weihnachtsoratoriums in der Dominante einsetzen, während "Wenn ich einmal soll scheiden" mit der Tonica anhebt. In einem Fall geht es um den Tod, im anderen um die Geburt. Beides ist durch eine Melodie miteinander verbunden.

Im Schluss des Weihnachtsoratoriums, in dem wie ein Brandenburgisches Konzert angelegten Concerto, erscheint diese Melodie noch einmal, jetzt wie eine Fanfarenmelodie in D-Dur, die Freude und Sieg verkündet. Solche Zusammenhänge zeigen, wie Bach gearbeitet hat. Und für einen sensiblen Musiker ist das doch genug, um dynamische Bezeichnungen vermissen zu können.


TIPP: Buch- und Filmdokumentationen zu Karl Richter (deutsch und englisch)

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