17. Juli 2008

Hertha Toepper erinnert sich an Karl Richter



Bach in Ansbach - das waren Sternstunden. Es war ein wunderschönes Musizieren. Und an jedem Pult saßen lauter Konzertmeister, das wissen wir, die von Aufführung zu Aufführung gewechselt haben. Das war eine ganz besondere Sache. Alle waren wirklich Diener und keiner war - ach, ich Konzertmeister -, denn am nächsten Tag war es schon der andere. Also unglaublich gut, ja es war schön, wirklich schön. Richter hat natürlich fantastisch musiziert.



Hertha Töpper mit Kieth und Erika Engen in Ansbach 1961

Es war so interessant. Da waren lauter neue Kantaten, keiner von uns hat die vorher gekannt. Er hat sie im Grund auch zum ersten Mal gemacht. Dazu eine sehr symptomatische Geschichte: Da hat er eine Bass-Arie - die konnte man wahrscheinlich so oder so machen - den Kieth Engen zuerst langsam oder zuerst schnell, jedenfalls konträr im Tempo singen lassen. Einmal so und einmal so. Und eins von beiden hat er dann fixiert. Das war ganz interessant. Ob das auch mit der Stimme zu tun hatte oder ob er sich’s nur mal anhören wollte, das kann man nicht so sagen. Aber das war so wichtig für uns und für ihn typisch.




Hertha Töpper in Moskau 1968

Ich habe auch anderes erlebt, zum Beispiel, dass er im Cembalo einen Verstärker drin hatte, neu ausprobiert. Ich kam vorn auf das Podium bei der Probe und sah dieses. Ich habe mich hingesetzt und hatte den Eindruck, dass ich wirklich nicht reagiert hatte. Am Nachmittag kam ein Anruf von Karl Richter: „Nicht wahr, der Verstärker hat Sie gestört!“ Ich habe gesagt: „Mein Gott, der Verstärker ist ja nicht für uns, sondern für draußen, da muss man fragen, ob es die gewünschte Wirkung hat.“




Hertha Töpper mit Karl Richter in Dießen 1969

Zum Beispiel Matthäus-Passion: Bei der Arie Erbarme dich fängt die Geige an. Vor dem Auftritt in der Probe sagt er zu mir: „ Ach, ob Sie heute mal probieren, die Vorschläge zu singen.“ Vor dem Auftritt! So etwas muss doch mal ausprobiert sein. Erst einmal muss das geschmackvoll sein. Ich kann auch nicht jeden Vorschlag singen, dann vor allem, wann höre ich auf. Bei der Wiederholung nochmal oder nicht? Das sind gefährliche Momente. Ich habs probiert, natürlich, er hat ja gesagt, ich solls machen. Ich hab den ersten Vorschlag gesungen, also genau die Geige kopiert, und dann hab ich ihn weggelassen. Er hat nachher gesagt: „Ach, ich glaube, wir lassen es doch weg.“ Aber so etwas konnte glatt passieren.




Probe zur h-moll-Messe im Tschaikowsky-Konservatorium, Moskau, 1969

Das vollständige Interview mit Hertha Töpper (zusätzlich die Interviews mit Antonia Fahberg und Lotte Schädle) gibt es auf DVD zum Preis von Euro 19,00, zu bestellen nur bei Conventus Musicus per E-Mail.

Alle Interviews mit den Zeitzeugen (26 Vokal- und Instrumentalsolisten) sind auf 10 DVDs zum Preis von Euro 150,00 erhältlich, ebenfalls nur bei Conventus Musicus per E-Mail.

Auch die Buch-Dokumentation "Karl Richter in München - Zeitzeugen erinnern sich" enthält die kompletten Interviews, darüber hinaus noch vieles mehr. Ausschnitte aus den Interviews, verbunden mit zahlreichen Musikzitaten aus Karl Richters Live-Konzerten, bringen schließlich die DVDs der Film-Trilogie. Informationen hierzu und Bestellmöglichkeit über den Karl Richter Online-Shop!
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