11. Juni 2008

Ehemalige Mitlieder des Münchener Bach-Chores erinnern sich an Karl Richters Probenarbeit (3)

(und Schluss) Teil 1 | Teil 2

Die Generalproben waren selbstverständlich sehr konzentriert, es ging wirklich Schlag auf Schlag. Man hatte, auch wenn Orchester oder Solisten dran waren, kaum Zeit, an etwas anderes zu denken. Es wurde aber trotzdem nicht auf Perfektion geprobt, dass im Konzert nur wiederholt würde, was einstudiert worden war. Es war grundsätzlich so, dass man damit rechnete, dass im Konzert so und so viel völlig anders kommen würde als in der Generalprobe.

Ich erinnere mich an eine Matthäus-Passion, wo er in der Geduld-Arie im Konzert selbst das Continuo am Cembalo übernehmen wollte und Hedwig Bilgram bedeutete, sie möge langsam aussteigen. Das ging mit einer relativ dezenten Geste. Er ist gleichzeitig, zunächst im Piano, vorsichtig am Cembalo eingestiegen und hatte nach drei oder vier Takten das Ganze übernommen. Das war für alle Beteiligten nicht voraus zu sehen. Ähnliches galt selbstverständlich auch für den Chor. Eine grundsätzliche Äußerung, vor allem in den letzten Jahren, war zum Schluss der Generalprobe: „Gut aufpassen morgen Abend!“



Bei den Generalproben für die h-moll-Messe, sie war ja nun damals das Stück des Münchener Bach-Chores, mussten wir meistens nicht mehr viel proben. Er hat uns da hingestellt, am Anfang das Kyrie und so ein bisschen noch etwas, und dann kam nur noch: Adagio, Nr. 19. Das war das Grausen für uns alle. Wir waren immer nervös, er wollte extremes Pianissimo, und der Chor detonierte, wurde dann regelmäßig tiefer und tiefer. Sogar das Orchester fürchtete sich schon immer vor dieser Stelle, und wir natürlich noch viel mehr. Aber immer in der Generalprobe: Adagio, Nr. 19!



Bei der Generalprobe hatte Karl Richter natürlich kein Publikum, und die Raumakustik war damit ganz anders als bei einer Aufführung. Ich konnte ihn vor der letzten Aufführung 1980 in der Basilika in Ottobeuren an der Orgel erleben, wie er versuchte, die verschiedenen Wirkungen des Nachhalls auszuprobieren, wo die Schallwellen hingehen und wieder zurück kommen. Er hatte ein unwahrscheinliches Gefühl für diese Raumakustik. Das ist mir als Architekt immer wieder aufgefallen, dass er einen Raum so einschätzen konnte.



Ich erinnere mich noch, wie wir einmal in der Michaelskirche in München Motetten gesungen haben. Da war eines der Werke: Brahms, Warum ist das Licht gegeben den Mühseligen. Und plötzlich sagte er zu mir: „Elsdörfer, übernehmen Sie mal.“ Und dann ging er durch die ganze Kirche und hörte sich von allen möglichen Stellen aus an, wie da der Raumklang war.

Der vollständige Wortlaut der Interviews ist in der Buch-Dokumentation Karl Richter in München – Zeitzeugen erinnern sich [ISBN: 978-3000168642] enthalten.

Das Buch und die DVD Trilogie sind im gut sortierten Buch- und Musikfachhandel oder online auch im Karl Richter Shop auf Conventus Musicus erhältlich.
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