6. Mai 2008

Die Ära Karl Richter in München: Die Jahre 1971 ff. [DE]

In diesem dritten Jahrzehnt von Karl Richters Münchner Ära häuften sich die Konzertreisen mit und ohne den Münchener Bach-Chor und Bach-Orchester innerhalb Europas, zunehmend aber auch in ferne Kontinente, regelmäßig zum Beispiel nach Brasilien, Argentinien, in die USA und nach Japan.

Anna Reynolds

Ich erinnere mich nicht so sehr an die ganze Konzertreise, nur am Anfang war es nicht sehr schön. Das Flugzeug war wahnsinnig verspätet, wir kamen in Washington an um Mitternacht und mussten am nächsten Tag singen. Aber ich erinnere mich an die Reise von New York nach Princeton, da haben wir ein Auto gemietet und Kieth Engen ist gefahren. Es war im späten September und ich habe zum ersten Mal diese unglaublichen Wälder von Ahornbäumen gesehen. Es war ein wunderschöner Herbsttag mit Sonne, es war so schön.




Anna Reynolds beim Interview am 1. August 2004

Horst Laubenthal

Ich war einmal mit Richter in Buenos Aires und habe die Missa solemnis von Beethoven gemacht,
Matthäus-Passion und die Oper Xerxes von Händel. Da hat er Oper dirigiert und das war sehr, sehr aufregend. Wir waren doch drei oder vier Wochen auf engstem Raum mit dem Regisseur zusammen. Da war er immer bei den Proben dabei. Für uns war das sehr aufregend, ihn, den reinen Konzertdirigenten am damals größten Opernhaus der Welt am Pult zu sehen. Wir waren auf der Bühne oft 20 bis 30 Meter von ihm entfernt und mussten schon sehr aufmerksam sein.



Horst Laubenthal beim Interview am 24. Oktober 2004

Johannes Fink und Edda Moser

Da hatte ein Cellist oder der, der die Gambe spielte, sich so was von vertan, dass John van Kesteren ein bisschen schräg hin schaute. Da ging der Cellist mit dem Messer auf den van Kesteren los. Richter verschwand natürlich sofort, weil man dachte, jetzt gibt es eine Messerstecherei. Da wurde dann Johannes Fink eingeflogen, weil es eben nicht anders ging.

Der Cellist war alles andere als zuverlässig, und irgendwann hat Karl Richter in der Pause entweder zu sich selber oder zu John van Kesteren gesagt: „Den hört man auch nur, wenn er in die Pause reinspielt.“ Das Pech war nur, dass der Cellist einer der wenigen im Orchester war, der Deutsch verstanden hat. Und der hat sich natürlich an seiner Ehre gepackt gefühlt, und dann ging es hoch her. Es war dann ein Riesenkrach, der Cellist wurde aus dem Orchester entfernt. Na gut, jetzt hat man einen gebraucht, der die Sachen so gut kannte, dass der sich einfach hinsetzen und spielen kann. Und dann ist halt der Fink eingeflogen worden.




Edda Moser beim Interview am 26. Juli 2004

Ein fester Programmpunkt aber war und blieb im Sommer eines jeden Jahres Ottobeuren mit der Aufführung eines großen Chor- und Orchesterwerks sowie dem traditionellen Orgelkonzert am Abend zuvor. Hier erlebten so manche Oratorien Georg Friedrich Händels glanzvolle Aufführungen: Judas Makkabäus, Samson, Belsazar, Messias und Israel in Agypten, dazu das Mozart-Requiem, Haydns Schöpfung, Mendelssohns Elias, Bachs Passionen sowie die h-moll-Messe.

Elmar Schloter

Bei den großen Konzerten in Ottobeuren hatte der Orgelbauer Albrecht Deiniger immer eine Continuo-Orgel mitgebracht, und da wusste man schon, was auf einen zukam. Aber es gab andere Situationen, wo man oben auf der Dreifaltigkeitsorgel spielen musste. Nun ist die Dreifaltigkeitsorgel in einer alten Stimmung, das heißt einen halben Ton tiefer. Ich musste also das ganze Continuo einen halben Ton höher spielen.



Dreifaltigkeits-Orgel in der Stiftsbasilika Ottobeuren

Die Schwierigkeit bei diesen beiden historischen Orgeln in Ottobeuren, rechts die Dreifaltigkeit-Orgel, links die Heiliggeist-Orgel, war, dass man früher noch keine genormte Tastatur hatte. Das heißt also, die Tasten waren entweder ziemlich breit oder ziemlich schmal. Und das Pedal war ziemlich eng und kurz. Da musste man sich wirklich gut einspielen, damit man da Orgelkonzerte spielen konnte. Und Richter hat das ja hervorragend gemacht. Ich hab mich oft gewundert, wie er das in der kurzen Zeit geschafft hat, auf so einer Orgel dann so ein Konzert abzuliefern. Das war einfach meisterlich.



Heiliggeist-Orgel in der Stiftsbasilika Ottobeuren

Edda Moser

Natürlich ist Richter in der großen Bachtradition vom Dresdner Kreuzchor aufgewachsen, aber Mendelssohn entsprach ihm sehr. Die Süße in der Musik und diese ungeheure Dramatik im Chor, das entsprach ihm, da konnte er sich voll ausleben. Er hat Bach auch so gemacht, dass man das Gefühl hatte, schöner geht es ja gar nicht, aber wenn er dann Mendelssohn dirigiert hat oder auch die Missa solemnis von Beethoven , da kamen ganz andere Quellen, die er in sich hatte, zum Strömen.



Edda Moser und Karl Richter in Paris 1974
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