13. Februar 2008

Die Ära Karl Richter in München: Die Jahre 1956 ff. [DE]


Kieth Engen


"Im Jahr 1956 hat Karl Richter zum ersten Mal eine Konzertreise in die USA als Organist gemacht. Er gab ein Konzert in San Francisco in der Grace Cathedral, und am nächsten Tag war ein Seminar mit allen Organisten aus der Umgebung. Sie sprachen über diese Werke, die er gespielt hatte. Er hatte unter anderem den Choral „Wachet auf, ruft uns die Stimme“ gespielt. Am nächsten Tag kam er also mit den jungen Amerikanern zusammen, und sie fragten, warum er das so langsam spielt. Und er fragte: „Spiele ich es langsam?“ „Ja, ganz langsam, wir sind es schneller gewöhnt, ein bisschen jazzig.“

Und da zeigt sich eine wichtige Sache bei Richter: Er hatte intuitiv, in seinem Innersten, schon Gesetze in sich. Aber er hat sie nie als Gesetze gesehen, sondern als Teil seines Lebens.

Dann hat er den jungen Musikern gesagt. „Geben Sie mir eine Bibel! Schauen Sie, die törichten und die klugen Jungfrauen schlafen ein und der Bräutigam kommt, und die wachen dann erst auf. Wachet auf! Und wenn man vom tiefen Schlaf kommt, kommt man nicht sofort in ein Tempo, das so schnell ist. Man muss es langsam angehen.“ Und das war für die Amerikaner eine gute Begründung für sein Tempo."




St. Gumbertus - Bachwoche Ansbach 1956

Bereits 1954 und 1955 hatte Karl Richter bei der Bachwoche Ansbach konzertiert. 1956 trat erstmals auch der Münchener Bach-Chor dort auf und sang an vier Abenden 14 Bach-Kantaten. Richter spielte außerdem zusammen mit Yehudi Menuhin und Aurèle Nicolet Kammermusik von Johann Sebastian Bach.



Jehudi Menuhin und Karl Richter - Bachwoche Ansbach 1956

Anlässlich der Festkonzerte zur Einweihung der Marienorgel wurden der Münchener Bach-Chor und Karl Richter zum ersten Mal in die Stiftbasilika Ottobeuren eingeladen. Zusammen mit den Bamberger Symphonikern erklang u.a. der 150. Psalm von Anton Bruckner.



Basilika Ottobeuren

1958 kamen Ursula Buckel, Ernst Haefliger und John van Kesteren hinzu.

Ursula Buckel



"Edgar Shann, ein berühmter Oboist, hat mich für ein Bachkonzert in Lutry, in einer alten wunderschönen Kirche direkt am Genfer See, engagiert. Als er mich hörte, sagte er: „Ich muss sofort Richter anrufen, denn Sie sind eine Stimme für Richter.“ Ich wurde dann aufgefordert, nach München zu kommen und vorzusingen. Als ich nun gesungen hatte, sagten sie „ja, schöne Stimme.“ Ich solle aber noch ein Jahr gut arbeiten, ich könnte noch einiges besser machen. „Wir werden auf Sie in einem Jahr wieder zurückkommen“ ..."


Ernst Haefliger



"Ein gemeinsamer Freund, der Oboist Edgar Shann, hat mich Karl Richter vorgestellt. Ab und zu kam er dann auch nach Davos. Ich kann mich noch gut erinnern, wir saßen in einer wunderschönen August-Nacht mit sehr gutem Rotwein auf der Terrasse, und er hat immer wieder gefragt: „Soll ich oder soll ich nicht?“ Ich wusste nicht, was er wollte, und endlich hat er gesagt, dass er eine Anfrage von der Deutschen Grammophon Gesellschaft hätte. Aber er hatte schon bei der Teldec aufgenommen, und da konnte er sich nicht entschließen. Wahrscheinlich war er aber schon entschlossen.



John van Kesteren


Für viele Jahre war somit die Idealbesetzung des Solistenensembles gefunden: Antonia Fahberg oder Ursula Buckel, Sopran - Hertha Töpper, Alt - Ernst Haefliger oder John van Kesteren, Tenor - Kieth Engen, Bass. Für ganz bestimmte Partien, vor allem in den Oratorien von Händel und Haydn, aber auch in der Matthäus-Passion, wurde ab 1959 Karl-Christian Kohn engagiert.


Karl Christian Kohn



"Ja, es kann nur so gewesen sein, dass Karl Richter mich in Mozarts Figaro und in Rollen wie Leporello und Entführung gehört haben muss. Er kam nämlich auf mich zu, ich glaube, das war damals Samson, das war sehr früh. Und dann kamen wir zusammen. Es wurde nicht viel geprobt, sondern nur ein oder zwei Proben gemacht, Haupt- und Generalprobe, und dann ins kalte Wasser gesprungen."

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