24. April 2006

Buchbesprechung CONCERTO: Einladung zur Selbstreflexion

aus CONCERTO, Das Magazin für Alte Musik
Ausgabe 207, April / Mai 2006, Seite 12, von Bernd Heyder (ISSN 0177-5944)



"Vor 25 Jahren, am 15. Februar 1981, starb in München der Organist und Dirigent Karl Richter; im Oktober würde er 80 Jahre alt. Richter hat den Interpretationsstil der Werke Johann Sebastian Bachs seit Beginn der 1950er Jahre entscheidend mitgeprägt, in unzähligen Konzerten und vielen Schallplatten-Produktionen, als Solist am Tasteninstrument, nachhaltiger aber noch als Leiter seines Münchener Bach-Chores und Bach-Orchesters. Gründe genug für Johannes Martin, ehemaliges Mitglied des Bach-Chores, mehr als zwei Dutzend Zeitzeugen zum "Phänomen Richter" zu befragen, unter ihnen die Vokalsolisten Ursula Buckel, Kieth Engen, Ernst Haefliger, Julia Hamari, Edda Moser, Siegmund Nimsgern, Anna Reynolds und Hertha Töpper, Instrumentasolisten wie der Hornist Hermann Baumann, der an Violoncello und Gambe tätige Johannes Fink, Kurt-Christian Stier, der eine Zeit lang als Konzertmeister des Bach-Orchesters agierte, die Flötisten Peter-Lukas Graf, Paul Meisen und Aurèle Nicolet sowie die Orgel- und Cembalospieler Elmar Schloter und Friedemann Winklhofer; außerdem einstige Chor-Mitglieder.

Martin hat die Interviews, einige andere Textbeiträge (u.a. von Kritiker-“Papst“ Joachim Kaiser) und eine Vielzahl von Fotos nun in einem ansehnlichen Band von 275 Seiten Umfang veröffentlicht, eingerahmt von einer biographischen Skizze Roland Wörners und einer stichwortartigen Chronik. Entstanden ist ein lesenswertes Buch, das in der Summe der geäußerten Erinnerungen und Meinungen ein facettenreiches Bild von der nicht gerade leutseligen Künstlerpersönlichkeit Richters zeichnet und viel Atmosphärisches vermittelt, insbesondere von seinen Bach-Aufführungen in München, bei der Bachwoche Ansbach und auf Tourneen weltweit. Der in den Interviews vorherrschende Plauderton hätte freilich einiges mehr an straffender und glättender Textredaktion vertragen können, ohne dass es dem lebendigen Gesamtbild Abbruch getan hätte; manche Abschweifung ist für den am eigentlichen Thema interessierten Leser rundweg verzichtbar, mag sie auch ein bezeichnendes Licht auf den sich äußernden Zeitgenossen werfen (beredtes Beispiel: die von jeder Bescheidenheit ungetrübten Äußerungen Edda Mosers zu ihren Leistungen als Mozart-Sängerin, S. 158ff.) Die Vorstellung der Gesprächspartner mit Foto, Geburtsdatum und -ort wäre andererseits durch eine kurze Angabe zur Art der Mitwirkung in Richters Ensemble sinnvoll zu ergänzen gewesen, da sie im Text nicht unbedingt sofort und manchmal auch nur ganz beiläufig angesprochen wird. Während das Personenregister offenbar in Ansätzen stecken geblieben und in dieser Form kaum brauchbar ist, sind die Zwischenüberschriften, mit denen Martin die Interviews gegliedert hat, bei der themenbezogenen Lektüre sehr hilfreich.

Warum das Buch aber überhaupt hier vorstellen, in einer der historischen Aufführungspraxis verpflichteten Publikation? Natürlich nicht, weil Johannes Martin, der erklärtermaßen "hin und wieder gerne Ausflüge in die Originalklangszene" unternimmt (S. 6), zu Beginn seines Vorworts aus einem CONCERTO-Interview mit Dietrich Fischer-Dieskau (Nr. 203) zitiert. Eher schon, weil einige Zeitzeugen die (Nicht-)Auseinandersetzung Richters mit der historischen Aufführungspraxis ansprechen, deren Erfolgsgeschichte sich zeitlich nahezu parallel zu seiner Karriere ereignete. So erinnert sich Richters Weggefährte Johannes Fink an einen Auftritt von Nikolaus Harnoncourt beim Münchener Bachfest 1965: „Da waren wir miteinander im Konzert, und da hat man gemerkt, dass er (Richter) überhaupt nichts anfangen konnte mit dieser neuen Art, die da entstanden ist“ (S. 62). Aurèle Nicolet hingegen bemerkt zur historischen Aufführungsweise barocker Werke: "Das ist die Zeit... von Versailles. Warum immer reduzieren, um original zu sein. Wir haben sehr viel für die Interpretation der Barockmusik zum Beispiel durch Harnoncourt gelernt, aber es fehlt mir sehr oft eben das "Jubiloso" dieser Musik" (S. 163). Eine Kritik, die auf so manche Aufführung mit Barockinstrumenten sicher mit Recht zielt, bei so mancher auf modernem Instrumentarium aber ebenso angebracht wäre. - Was uns zur Reflexion über den besonderen Bach-Stil Richters führt, der weder mit dem Schlagwort vom "romantisierenden" noch vom "sachlichen“ Musizieren annähernd zu fassen ist. Das betrifft zum einen das offene, eher vibratolose Stimmideal seines Bach-Chores, das Richter, der ehemalige Dresdner Kruzianer und Leipziger Thomasorganist, ebenso aus dem Protestantismus seiner sächsischen Heimat nach München importiert haben mag wie die nach heutigen Maßstäben durchaus barock wirkende Drastik seiner musikalischen Gesten. Das betrifft zum anderen die selbstbewusste Generalbassbegleitung, die Richter auf Orgel und Cembalo verlangte. Sie ist inzwischen auch von vielen Vertretern der historischen Aufführungspraxis wieder als wesentliches Element in der Ensemblemusik Bachs und seiner Zeitgenossen erkannt worden. Neueste Einspielungen von Künstlern wie Andreas Staier und Christian Brembeck belegen überdies, dass sich Spezialisten historischer Claviere jetzt häufiger wieder Cembali mit volltönendem 16´-Register zuwenden - wenn die heute bevorzugten Instrumente auch entschiedener auf Originalen des 18. Jahrhunderts basieren, als es bei dem modernen Neupert-Cembalo der Fall war, das Richter damals favorisierte.

Eines noch ruft Johannes Martins Buch nachhaltig in Erinnerung: Musikalische Interpretationsgeschichte ist weit weniger von den Zeitumständen abhängig als von Künstlerpersönlichkeiten. " Verfasser: behe

Veröffentlichung mit freundlicher Erlaubnis des Verlags

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