22. Dezember 2005

Buchbesprechung von Dr. Klaus Linsenmeyer

Karl Richter in München (1951-1981)
Zeitzeugen erinnern sich
Eine Dokumentation von Johannes Martin

Der Autor der Buch-Dokumentation „Karl Richter in München“ war Mitglied des Münchener Bach-Chores, der Rezensent Richters Orgelschüler an der Musikhochschule in München. Beide haben also den berühmten Bach-Interpreten aus nächster Nähe erleben können. Für das im Conventus Musicus-Verlag in Dettelbach erschienene Buch wurden zahlreiche Interviews mit ehemaligen Choristen, Gesangs- und Instrumentalsolisten ausgewertet, die ein beeindruckendes Bild von Richters Persönlichkeit als Organist, Cembalist, Dirigent und Orgellehrer widerspiegeln.

Richter war als Mensch und Künstler faszinierend. Sein eher romantisierendes Bach-Bild atmete, pulsierte, war dem intuitiven Augenblick des Konzertierens ebenso zugetan wie der streng am Text orientierten musikalischen Bibelauslegung, die dem Pfarrerssohn aus Plauen im Vogtland mit auf den Weg gegeben worden war. Im Dresdner Kreuzchor unter Rudolf Mauersberger sowie in Leipzig unter der Aufsicht der Thomaskantoren Karl Straube und Günther Ramin begann Richters Kunst zur Blüte heranzureifen. Der Grundzug seines musikalischen Schaffens war aus der Tradition der „Leipziger Schule“ nicht wegzudenken.

Für das Jahr 2006, in das Richters 80. Geburtstag und sein 25. Todestag fallen, ist nun rechtzeitig diese umfassend informierende Dokumentation erschienen, der im kommenden Jahr eine DVD folgen wird. Neben seinen Fernseh-Aufzeichnungen und den zahlreichen CDs bringt dieses repräsentative Buch dem Leser Richters Wirken faszinierend nahe. Bereichert wird die Dokumentation durch eine ausführliche Würdigung von Leben und Wirken Karl Richters von Roland Wörner, durch Textbeiträge von Dietrich Fischer-Dieskau, Peter Schreier und Joachim Kaiser sowie durch eine Chronik der wichtigsten Daten des Münchener Bach-Chores der Jahre 1951-1981. Zahlreiche bisher nicht veröffentlichte Fotos runden die gemeinsamen Erlebnisse und künstlerische Aktionen der einstigen Weggefährten Richters eindrucksvoll ab.

Die „Erinnerungen der Zeitzeugen“ (u.a. Kieth Engen, Ernst Haefliger, Hertha Töpper, Siegmund Nimsgern, Julia Hamari, Horst Laubenthal, Edda Moser, Hermann Baumann, Paul Meisen, Aurèle Nicolet, Kurt Hausmann) gewähren einen Einblick in Karl Richters musikalische Werkstatt, und die vielstimmigen Äußerungen der Befragten ergeben ein imponierendes künstlerisches Portrait der Arbeitsweise und Gesinnungswelt dieses genialen und einzigartigen Musikers. Man wird auf Richters Reisen in die damalige Sowjetunion, nach Kanada, USA, Japan und in die Metropolen Europas mitgenommen, wo er als Dirigent der großen Werke Bachs enthusiastisch gefeiert wurde. Man erfährt, dass Richter auch als Operndirigent in den Hochburgen München und Wien sowie in Südamerika erfolgreich war.

Karl Richter war in seinem ureigensten Wesen ein verschlossener Mensch, den die Öffentlichkeit und vieles Herumreden störte. Bei den Proben - er hatte jede Note und jeden Takt im Kopf - kam er gleich auf den Punkt. Allein mit den Augen und mit sparsamen Bewegungen konnte er den intensiven Kontakt zwischen Chor und Orchester herstellen. Im Konzert wurde alles Musik, man schwebte dann auf Wolken. Richter war ein unbequemer Künstler, der Anstöße gab, solche aber auch erregte. Sein Musizieren kam aus dem Innersten und war ein ständiges Brennen. Man erlebte in jedem Konzert etwas Neues, ein Gestalten aus dem Augenblick heraus. Fachgespräche mied Richter, weil er seinen spontanen Regungen mehr folgte als akademischen Überlegungen. Sinnzusammenhänge zwischen Musik und Wort wurden durch die Leuchtkraft und Elektrizität seine Kunst lebendig gestaltet.


Erhältlich ist die Buch-Dokumentation
'Karl Richter (1951 - 1981) - Zeitzeugen erinnern sich'
zum Preis von € 28,95 über Conventus Musicus (Tel.: 09324-2101)
sowie über den Fach- und Buchhandel (ISBN 3-00-016864-8).

Klaus Linsenmeyer
war ein Orgelschüler Karl Richters, ist pensionierter Schulmusiker und Chef-Organist in Stift Haug, Würzburg.
Er schreibt regelmäßig Kritiken u.a. für Mainpost, Mainecho, Musik und Kirche, Musica sacra für viele Konzerte in Würzburg und Bad Kissingen (Kissinger Sommer und Winterzauber).
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