9. September 2005

Paul Meisen erinnert sich an Karl Richter

Paul Meisen
Flöte



Paul Meisen
geboren 1933 in Hamburg

Aus dem Interview:

... Die Japan-Tournée 1969 war sicherlich der Höhepunkt. Beeindruckt waren wir ja auch von der Wechselwirkung von Podium aus, Karl Richters Ausstrahlung, aber auch die Wechselwirkung vom Publikum her. Es soll, und ich glaube, das ist auch richtig, die erste ungekürzte Fassung der Matthäus-Passion gewesen sein, die in Japan erklungen ist. Und wir erinnern uns an den wunderschönen großen Saal Bunka Kaikan, voll bis auf den letzten Platz, und das Publikum hatte die Texthefte vor sich. Sie verfolgten alle einzeln den Text in Deutsch. Und sie blätterten alle um, wir spürten, dass alle umblätterten, wir hörten aber kein Geräusch, die Konzentration war so faszinierend. Das war vielleicht die beeindruckendste Matthäus-Passion meines Lebens. Diese Geschlossenheit, diese Einheit zwischen Hörern und Spielern, da ging kein Blatt dazwischen, das war ein Ganzes. Für mich war es das unvergessendste und unvergesslichste Erlebnis der Matthäus-Passion.

Bei dieser Reise in Japan, die ja hauptsächlich eine Chorreise war, hatten wir auch ein Konzert ohne Chor. Da sind wir als Orchester, als Kammerorchester nach Yokohama gefahren. Und es war eine besondere Heiterkeit, dass auf einmal nur die Orchestermusiker untereinander waren. Wir haben dort, unter anderem, ein Cembalokonzert gespielt. Karl Richter machte ja immer alles auswendig. Das Cembalokonzert war vor der Pause, und in der Pause standen wir alle beisammen, und der Karl Richter sagte: „Na ja, das Cembalokonzert. Wie ich das so gespielt habe, da hab’ ich gedacht, Karli, du hast eigentlich eine ganz gute Technik, und schon war ich draußen." Solche Geschichten gibt es ja viele von Karl Richter.

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